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Wenn die Bachmann eine rauchen geht

Die Idee nach Klagenfurt zu reisen, zum Bachmannpreis, entsprang einem Abend beim Italiener. Wir verspeisten Bruschetta, löffelten Tiramisu hinterher und tranken Kir Royal aus langstieligen Gläsern. Es war noch kalt. Der Wind pfiff um die Berliner Häuserblöcke und wir schlugen die Mantelkrägen höher. Im Winter träumt es sich umso bildreicher von türkisglitzernden Bergseen und sonnendurchfluteten ORF-Gärten. Die Texte, die uns erwarten sollten, zwitscherten sanft im Hintergrund unserer Vorstellung.

Als der Schreibhain-Jungautor Otto Spreng, die begnadet stilsichere Kollegin Nadine Kube und ich – zwischen den Stühlen, da sowohl Autorin als auch Schreibschulenleiterin – uns im Jahr darauf tatsächlich in Wien treffen, um von dort weiter nach Klagenfurt, zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur zu reisen, ist unser Bild noch wenig brüchig. Wien empfängt uns mit offenen Armen. Wir sitzen bei Spritzern (Weißweinschorlen), umgeben von Schriftstellerkollegen und Bildenden Künstlern im damani, lauschen den Lebensgeschichten der Menschen, die mir bald schon wie alte Bekannte vorkommen sollen, und machen uns am nächsten Tag auf ins Leopoldmuseum, einfach weil des Schwärmens noch nicht Genüge getan ist, weil wir uns von Klimt in die Secession entführen lassen wollen und weil ich spätestens bei Schiele in die Kunst taumele, wie sonst es mir nur Romane ermöglichen. Die Welt öffnet sich, es ist einer dieser Augenblicke, in denen sich ein Spalt aufzutun scheint, zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, eine Brücke in die Köpfe und Ideen einzigartiger Menschen. Später essen wir ein Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat und Preiselbeeren und das beste Eis der Stadt.

Einen Tag später, im ORF, holt uns die Realität schnell ein. Es herrscht Sicherheitsstufe 1, wir dürfen unser Gepäck nicht abgeben und mit ins Studio soll es auch nicht. Leider liegt unsere Pension außerhalb von Klagenfurt, in Viktringen. Meinen Kollegen verdanke ich es, dass ich bis ins Studio vordringe, sie passen derweil auf unser Gepäck auf und verfolgen die Übertragung via Liveschaltung im ORF-Garten. Karin Peschka, die später den Publikumspreis erhalten wird, Björn Treber und John Wray verpassten wir leider. Letzteren lese ich in Wien. Dass mich sein Text nach drei langen Tagen Klagenfurt und bei 30 Grad im Schatten noch für sich einnehmen kann, spricht Bände. Wray wird den Deutschlandfunkpreis bekommen.

Für alle, die das Prozedere nicht kennen, erläutere ich kurz das Prinzip Klagenfurt:

Drei Jurorinnen und vier Juroren schlagen jeweils zwei Texte für den Bewerb vor.  Autoren bewerben sich direkt bei einem oder mehreren Jurymitgliedern. Dafür müssen sie eine Empfehlung eines Verlags oder einer Literaturzeitschrift vorweisen können. Zugelassen sind ausschließlich deutschsprachige Prosatexte mit einer Lesedauer von maximal 25 Minuten. Aber auch Jurymitglieder dürfen mögliche Kandidaten auf den Wettbewerb ansprechen und sie für sich gewinnen. Auf diese Weise umwirbt Sandra Kegel ihren Autor John Wray, dessen Vater Amerikaner und dessen Mutter Kärntnerin ist. Seinen ersten deutschsprachigen Text schreibt er für den Wettbewerb, seine Muttersprache aber ist das Englische.

Zurück zum ORF Garten und zum 6. Juli 2017, einem Donnerstag. Nach den Lesungen von Noemi Schneider, einer heiteren bis zu heiteren Apokalypse, wie die Jury befindet, und Daniel Goetsch, der einen Auszug aus seinem Roman liest, in dem ein Schriftsteller namens Diehl in Form des bald achtzigjährigen Amerikaners Quentin auf eine Story trifft, die ihn schreibend auf die Spur seiner eigenen Geschichte schickt, schaukelt uns der Bus nach Viktringen.

Wir erklimmen Höhenmeter, der Schriftstellerkollege Otto Spreng badet im Bergsee, derweil die Kollegin und ich verzweifelt Wlan suchen, Anschluss an die Welt, nach Berlin. Nika Sachs, Autorin und Selfpublisherin, stößt, noch rechtzeitig vor dem dräuenden Gewitter, zu uns. Wir machen uns ausgehfertig. Sind wir doch zum Empfang ins Loretta geladen und werden nicht enttäuscht. Der Ausblick auf den See lässt uns die Strapazen der Anreise vergessen. Bei Wein und Spargel, wortgewandten Kolleginnen und Kollegen und einem Sonnenuntergang, der literarische Bilder heraufbeschwört, fließen Zeit und Leben ineinander und niemand hinterfragt, was uns morgen erwarten wird, worum es bei diesem Event eigentlich geht und warum man sich hier Jahr für Jahr wieder begegnet. Worte rauschen, der Wörthersee verbreitet petrolblauen Frieden und wir könnten noch ewig so beieinanderstehen, müssten wir nicht morgen um 10 Uhr im Studio sein und hofften wir nicht auf die große Überraschung, auf diesen Schiele-Augenblick der Literatur, diesen Moment, der auch Seen und Kulisse und Geschmackserlebnisse in den Schatten stellt. So verabschieden wir uns von neu gewonnenen Bekannten und Freunden und landen zu viert im Theatercafé, um einen überteuerten Gin Tonic zu trinken. Egal. Eine Möglichkeit mehr, Kärntner zu beobachten und später vom Taxifahrer Nachhilfeunterricht in heimischen Dialekten zu bekommen. Narvac, navid, navad, ich habe die korrekte Bezeichnung vergessen. Jedenfalls heißt es so – oder so ähnlich – will man in einem der Täler kundtun, dass etwas nicht ganz richtig, etwas falsch ist.

Nika kann nicht schlafen, sie schläft überhaupt wenig, um stattdessen zu schreiben, und so falle ich nur zwischen unseren Gesprächspausen in narkoleptische Zustände, die am Morgen danach noch ihre Wirkung entfalten, beim Frühstücksbuffet und später bei der ersten Lesung. Ferdinand Schmalz wird den Bachmannpreis gewinnen, das weiß ich noch nicht, aber die Jurybegeisterung ist eindeutig. Ich wundere mich. Zuviel Satire, zu wenig Figurenzeichnung, ein paar Striche auf Papier. Sicher, der Text weiß, was er tut, er mag witzig sein und beherrscht sein Sprachspiel, allein, er berührt mich nicht. Wenn ich lese, will ich eintauchen in die Geschichte, quasi neben den Protagonisten stehen und durch ihre Augen erleben, was sie bewegt. Bewegung ist da viel im Text, ein Auf- und Abwiegen, ein sich gekonntes Verschachteln. Schmalz kommt vom Theater. Die Bühnenwelt ist auch mein Ursprung, meine ersten Gehversuche habe ich dort unternommen. Sein Text aber bleibt mir seltsam fern. Wir haben uns nichts zu sagen. Ganz anders Barbi Marcovic. Sie geht ohne einen Preis nach Hause, und ja, der Text hat Lücken und handwerklich fehlt etwas. Dennoch entsteht ein Universum das sich aus den Figuren heraus entspinnt und diese eine weitere Figur, die Wohnung nämlich, das Häusliche, das alles verschlingen will, wird zur Seelenlandschaft, die wir durchschreiten. Da ist etwas Magisches im Text und das ist von einer ganz eigenen Qualität. Kein Wiederkäuen, ein eigener Ton, Motive, die sich vor mir entfächern.

Dieser Wettbewerb wagt zu wenig. Da reichen Schriftsteller ein, die zumeist längst veröffentlicht sind. Hier sollen Talente gehoben werden, die auf dem Buchmarkt längst eine Stimme haben. Und weil die Juroren befinden, wer dieses Potential birgt, und sie wiederum mit ihren vermeintlichen Entdeckungen assoziiert werden, treten die Neuerungen in den Hintergrund. Interpretationskoma, nennt dies Nika, die wiederum einen mir unbekannten Kollegen zitiert – so handhabt es auch die Jury. Da wird heraufbeschworen, was Rang und Namen hat, Kafka und Stifter, oder, wer es moderner mag, auch mal den ein oder anderen Regisseur und Autorenfilmer. By the way, ich goutiere Filme, die Ulrich Seidls Handschrift tragen, aber hier geht es um Bezüge und die wiegen als Geschmacksempfinden, als Haut, die man zur Schau stellt in Klagenfurt. An diesem Tag lesen noch Verena Dürr, Jackie Thomae und Jörg-Uwe Albig. Albig wird zur Schlachtbank geführt, die meisten in der Jury sind sich einig, dass diese Geschichte pathetisch sei, geradezu barock, unzeitgemäß gar. Immerhin, sie mag mit Adjektiven um sich werfen und sich hier und da zu Vergleichen versteigen, die nicht halten, was sie versprechen, aber ich persönlich höre ihm gern zu, diesem Albig, und dieser Geschichte, die ins Innere leuchtet. Immerhin, sie hat Klang und Ton, das mag nicht allen zusagen, und ein bisschen verstehe ich Meike Feßmann, wenn sie am Ende fragt: „Können wir hier keine Liebesgeschichten mehr verstehen? Muss alles zynisch daherkommen?“

Stichwort Liebesgeschichten. Die allerdings sind tatsächlich kaum vertreten. Die Liebe scheint ausgedient als Thema und doch treibt sie uns um, ist Handlungsmotor und Lebenskraft. Stattdessen: Apokalypse, Milieustudien, Arbeitswelten.

Am Freitagabend sind die Kollegen und ich textüberfressen. Wir füttern uns gegenseitig mit Kuchen und Granatäpfeln, wir schlürfen Kaffee aus bauchigen Bechern, um ja nur wieder wach zu werden, bevor wir am Lendhafen in Liegestühlen lungern dürfen, auf denen wiederum Zitate prangen. Bachmann zu Ehren. In Wien wird später eine Autorin, über ihre Himbeerlimonade gebeugt, murmeln: „Die Bachmann, die wäre eine rauchen gegangen, während des Bewerbs. Und sie hätte über Max Frisch geklagt.“ Also wieder die Liebe, die Unerwiderte, die Verflossene, die Sehnsüchtige. Scheint doch ein Thema zu sein.“

In Klagenfurt hören wir an diesem Abend Musik aus Boxen, die den Lendhafen beschallt, versinken in die Parallelwelten unserer Smartphones und machen uns erst auf, als das Gewitter näher zu kommen droht. Auch so ein Klagenfurt-Moment: Hitze, Gewitter, Hitze. Muster gibt es hier allerhand. Das Wetter kann gar nichts dafür.

Samstag ist letzter Lesungstag. Für uns wird es danach wieder nach Wien gehen. Einen Abend lang entspannen, Gespräche an der Hotelbar führen und vom Sommer träumen, der Berlin abhandengekommen ist. Zuerst aber müssen wir unser Gepäck im Schließfach verstauen. Also trägt uns der Bus zum Bahnhof und dann auf ein Neues in die heiligen Hallen der Literaturkritik.

Warum, frage ich mich unterdessen, sitzen in der Jury fast ausschließlich Kritiker? Wo sind die Autoren, die andere Autoren vorschlagen und entdecken? Würde das den Bewerb mit einer Vielfalt befeuern, die der Buchmarkt ja durchaus zu bieten hat? Warum nur steht die Kunst des Interpretierens so hoch im Kurs, dass sieüber das Ziel einer Analyse hinausschießt? Dass sie sich versteckt hinter großen Namen und Referenzen, anstatt zu benennen, welche Assoziationen und Empfindung der Text auslöst – in Sprache, Klang und Rhythmus, aber auch in Bezug auf die Themen, die eine Erzählung tragen? Ich verstehe gerade deshalb nicht, weshalb Klaus Kastberger, zum dritten Mal in Folge, zum Lieblingsjuror gewählt worden ist. Meinerseits habe ich für Hildegard Keller gestimmt. Weil sie den Text ernst nimmt, und versucht, ihn mit den Mitteln seiner Wahl zu fassen. Weil sie ihn unter die Lupe nimmt, analysiert, aber dabei immer auch zu bedenken gibt, wie er seine Wirkung auf sie selbst, als Leserin, entfaltet. Wie sehr ich diesen Ansatz schätze und wie sehr ich mir mehr davon wünsche. Danke, liebe Frau Keller.

Am Samstag bin ich schon am Morgen müde. Eckhart Nickel bekomme ich nur noch im Kaffeedelirium mit. Ich werde seinen Text in Ruhe nachlesen. Er gewinnt den Kelag-Preis. Ich gratuliere an dieser Stelle auch der Agentur Graf und Graf, die ihn vertritt.

Dann liest Gianna Molinari. Ich werde ganz wach. Habe ich die Autorin doch im Loretto beim Empfang kurz kennen- und schätzen gelernt. Umso positiver gestimmt bin ich, als auch ihr Text überzeugt. Endlich einer, der sich traut, eine Geschichte zu erzählen. Wenig literarisch nennt es die Jury, eher journalistisch. Ich kann wieder einmal nicht mitgehen. Nur weil Molinaris Idee auf einer tatsächlichen Begebenheit beruht, ist sie deshalb nicht per se journalistisch. Nur weil ihr Text einfach und klar erzählt, ist er deshalb nicht gleich weniger sprachgewandt – im Gegenteil. Er bedient sich genau jener Mittel, die er braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Allein die Nachtwächter: Einer von ihnen, kann sich den Anderen, sein Wirken und Tun bei Tage gar nicht vorstellen. Dann die Archiv- und Recherchearbeit der Figur Lose, per se ein literarisches Thema. Ich gratuliere Gianna Molinari zum 3sat-Preis und freue mich besonders für sie.

Maxi Obexer und Urs Mannharts Lesung verfolgen die Kollegen und ich fächernd und benommen im Foyer. An dieser Stelle ein herzliches Danke an 3sat für die wundervollen Fächer, die uns in diesen Tagen oftmals vor dem drohenden Hitzetod gerettet haben. Ob es Maxi Obexer – angesichts der ausfallenden Jurywertung – insbesondere seitens Hubert Winkels ähnlich ergangen ist? Wer derartige Gefühlsausbrüche zu erregen im Stande ist, kann nicht allzuviel falsch gemacht haben. Und wer von Jörg Sundermeier verlegt wird, hat schon dadurch Sympathiepunkte gewonnen.

Vor Urs Mannharts Text strecke ich die Waffen. Wieder eine Geschichte, die bei mir nicht andockt. Ob es an Textübersättigung liegt oder einer Distanz, die die Erzählung zu mir aufbaut, ich kann und will es nicht mehr deuten. Es sind erste Eindrücke, die sich nach einmaligem hören und mitlesen, festsetzen.

Der Schreibhain durfte das Spektakel Klagenfurt miterleben und einen Blick hinter die Kulissen dieses großen deutschsprachigen Literaturwettbewerbs erhaschen. Zeit für letzte Worte. Was ist ungesagt geblieben? Ich wäre nur allzugern im Wörthersee geschwommen. Die Badestellen sind zumeist privatisiert und die Zugänge begrenzt. Ob dieser Umstand tatsächlich die Wasserqualität erhöht oder dadurch das Sehnsuchtspotential anheizt, mitmischen zu dürfen? Ob, wer einmal darin schwimmt, als besserer Literat hervorgeht?

Für mich ist Kunst, ist Literatur, immer auch Kommunikation. Sie muss dies nicht in einem ersten Schritt sein und kann sich dem sogar verweigern. Ein Text aber gewinnt, wenn er entführen und Brücken bauen kann in Welten, die der Leser so noch nicht gedacht oder zu denen er sich noch nicht aufgemacht hat. Literatur wie Bildende Kunst formt Landschaften aus, die nicht weniger real sind, nur weil sie sich des Fiktionalen bedienen. Literatur ist Leidenschaft und Hingabe, auch wenn solcherlei Themen in Klagenfurt bestenfalls gelitten sind. Sollten wir wieder an den Wörthersee reisen, wünsche ich mir Diversität und Geschichten, die sich des breiten Spektrums an Möglichkeiten bedienen, die dem Erzählen innewohnen. Ich wünsche mir Wagnis und den Mut, damit, im Zweifel, auch zu scheitern.

 

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