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Signe Ibbeken erhält Stipendienplatz

Unsere Stipendiatin für die berufsbegleitende Autorenausbildung / Jahrgang IX heißt Signe Ibbeken. Ihre Geschichte „Vom Jagen in den Städten“ überzeugt durch seine poetische Bildwelt, die eine Vielzahl an Lesarten zulässt. Auf nur drei Seiten eröffnet Ibbeken den Blick in ein abgründiges Universum, das dem unserem so fern nicht ist. Das Schreibhain-Team gratuliert von Herzen.

Vom Jagen in den Städten

Jede Nacht geht unser Vater auf die Jagd. Wenn es dunkel wird, schultert er die Flinte, nimmt das Jagdhorn vom Haken und schiebt die Gardine beiseite. Sobald er vom Kiliansdom her die Meute bellen hört, hebt er das Horn an die Lippen und bläst kurz und scharf hinein. Dann pfeift er den Hund heran und verlässt die Wohnung.

Erst früh am Morgen, kurz bevor die Busse und Straßenbahnen wieder fahren, kehrt unser Vater zurück. Mit einem einzigen Schwung nimmt er das Fleisch von der Schulter und wirft es auf den Tisch. Meine Schwester und ich verspeisen es blutig und roh, denn unser Vater will Männer aus uns machen. Unsere Mutter, die damit nicht einverstanden ist, steht schweigend am Fenster und starrt hinaus in den Hof. Nach dem Essen, wenn unser Vater todmüde in sein Bett gefallen ist, geht sie zum Telefon und ruft die Nachbarin an: „Ich mach das nicht mehr mit“, klagt sie. „Ich möchte einen Mann, der Termine hat. Er soll mit straffem Gesicht in ein makelloses Auto steigen. Er soll sich am Feierabend einloggen und in einer Lounge räkeln.“

Was die Nachbarin antwortet, können wir nicht hören. Aber wir wissen, dass sie einen Papiertiger als Mann hat und damit sehr zufrieden ist.

Doch unser Vater lacht nur, wenn unsere Mutter solche Forderungen an ihn stellt. „Solange ich zwei Hände habe“, sagt er stolz und hebt seine haarigen Pranken, „solange werde ich nicht in Formulare pinkeln.“

So vergehen die Monate, und vielleicht wären meine Schwester und ich tatsächlich irgendwann Männer geworden, doch eines Tages wird das Jagen in den Straßen von Würzburg verboten. Niemand weiß, wie es kam. Vielleicht schrieb unsere Mutter heimlich Briefe an den Bürgermeister, vielleicht gab es Beschwerden der Fleischindustrie oder das Gesundheitsamt wurde informiert, jedenfalls gibt es ein neues Gesetz, welches das Jagen in den Straßen bei empfindlichen Strafen verbietet.

„Was für ein Glück“, seufzt unsere Mutter zufrieden. Sofort holt sie den Anzug von unserem Vater aus dem Schrank und bügelt ihn glatt, bis er glänzt. Dann läuft sie zum Kiosk und kauft alle Zeitungen, die Arbeit und Termine versprechen. Zuhause schneidet sie alles heraus und legt es unserem Vater auf den Tisch.

Unser Vater jedoch glaubt nicht an das neue Gesetz. Nacht für Nacht wartet er hinter der Gardine, die Flinte über der Schulter, und lauscht auf das Bellen der Meute. Doch anstelle von hechelnden Hunden und triumphierenden Treibern sieht er Beamte vom Gesundheitsamt die Straßen durchkämmen, jede Nacht hängen neue Kameras an den Laternen, und die Nachrichten sind voll mit Meldungen über die Jagd auf die Jäger. Schließlich sieht auch unser Vater ein, dass das Jagen in unserer Stadt keine Zukunft mehr hat. Mit hängenden Pranken wendet er sich ab, hängt die Flinte und das Horn an den Nagel und legt sich ins Bett. Eine Woche lang steht er nicht auf. Er weigert sich zu essen und öffnet nicht die Tür.

„Er braucht Zeit“, hören wir unsere Mutter der Nachbarin erklären. „Er wird bald vernünftig.“

Und tatsächlich, am Ende der Woche kommt unser Vater aus dem Zimmer, er durchquert mit entschlossenen Schritten die Küche, wischt den Anzug vom Stuhl und die Annoncen vom Tisch und verlässt die Wohnung.

Am Abend kommt er wieder. Er pfeift meine Schwester und mich aus den Zimmern und fordert uns auf, ihm bei der Arbeit zu helfen. Im Treppenhaus stehen Säcke voll Torf sowie Äxte und Schaufeln. Wir tragen alles auf den Dachboden. Dort zeigt uns unser Vater, wie man mit der Axt die Dielen entfernt. Am nächsten Tag verteilen wir mit dem Spaten die schwarze Erde. Im Baumarkt kauft unser Vater Setzlinge von Bäumchen, die pflanzen wir tief in die Erde und wässern sie mit dem Schlauch, den unser Vater aus dem Keller geholt hat. Voller Stolz, die Hände in die Hüften gestemmt, schaut er am Ende der Woche über sein Land. Trocken und kurz klopft er uns auf die Schultern und sagt leise: „Das ist erst der Anfang.“ Dann schickt er uns zu unserer Mutter zurück.

In dieser Nacht kommt unser Vater nicht nach Hause. Erst am nächsten Tag treffen wir ihn wieder im Treppenhaus, wo er Bretter zum Dachboden trägt. Wir möchten ihm helfen, aber unser Vater lehnt ab: „Für das, was jetzt kommt, seid ihr zu jung“, sagt er ernst und für einen kurzen Moment kommt es mir vor, als würde ich in seinen Augen etwas glänzen sehen. Dann dreht er sich um und steigt die Treppen nach oben.

Auch die nächsten Tage kommt er nicht zu uns zurück. Stattdessen hören wir ihn auf dem Dachboden hämmern und sägen, dann wird es still. Über Wochen hören wir nichts mehr von ihm. Einmal schleichen meine Schwester und ich nach oben und versuchen, die Tür zu öffnen, doch sie ist fest verschlossen. Durchs Schlüsselloch erkennen wir schemenhaft die größer gewordenen Bäume, dazwischen einen Hochsitz.

Ein ganzes Jahr vergeht, ohne dass wir etwas von unserem Vater hören. Nur einmal erklärt die Nachbarin, sie habe ihn mit einem Karton unter dem Arm aus einem Zoogeschäft kommen sehen.

In der Zwischenzeit geht das Leben weiter. Unsere Mutter findet Arbeit in einer Papierfabrik, meine Schwester beginnt, sich die Lippen zu schminken und küsst ihren Fitnesstrainer. Und während ich darauf warte, dass unser Vater endlich zurückkommt, merke ich, dass sich in unserer Stadt etwas zu verändern beginnt. Immer wieder entdecke ich vor Häusern Säcke voll Torf sowie Setzlinge von Bäumen. In Eingängen und Treppenhäusern lehnen Äxte, Schaufeln und Bretter an der Wand sowie Kisten, in denen es leise raschelt. Und nachdem weitere Wochen vergangen sind, wiegen sich aus den Dachfenstern mancher Häuser die ersten grünen Äste.

Und eines Nachts, es ist wieder Herbst geworden, werde ich plötzlich von einem Geräusch geweckt. Hoch über meinem Kopf höre ich gedämpft und wie aus weiter Ferne für einen kurzen Moment ein paar Schüsse.

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