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Schreibblockaden und Prokrastination

epubli VortragAm Stand von epubli auf der Leipziger Buchmesse – #lbm16 – konntet ihr meinen Impulsvortrag am Messesamstag live erleben. Ich bin sehr froh, dass so viele Menschen unserer Einladung gefolgt sind, weil sie das Thema beschäftigt. Um all Jenen, die nicht auf der Messe sein konnten oder die in den hinteren Reihen gestanden haben (und kaum noch etwas hören konnten), die Chance zu geben ins Thema einzusteigen, hier eine kurze Zusammenfassung.  Wer die dazugehörige Präsentation und zwei Übungen (damit es zu keiner Schreibblockade kommt) kostenfrei als PDF zugeschickt bekommen möchte, schreibt mir einfach unter: tanja@schreibhain.com

Was es bedeutet zu prokrastinieren

Prokrastinierst du noch oder schreibst Du schon? Prokrastinieren heißt nichts anderes als eine Tätigkeit zu vertagen. Im Volksmund nennt man dieses Verhalten auch Aufschieberitis. Nicht umsonst klingt dieser Name nach einer lästigen Krankheit. Denn Autoren, die schreiben wollen, es aber nicht können und stattdessen die Wohnung putzen, weit entfernte Freundinnen anrufen und in stundenlange Gespräche verfallen, den Keller grundsanieren oder auch nur Papiere auf dem Schreibtisch ordnen, werden von all diesen Ablenkungsmanövern auch nicht glücklicher. Im schlimmsten Fall geraten sie in eine Spirale aus Ängsten und Selbstzweifeln, die in Selbstabwertung münden kann.

In einer bestimmten Phase der Ideenfindung mag es richtig sein, zu prokrastinieren, weil die Kreativität im Unterbewusstsein durchaus ihre feinen Fäden spinnt und solange wirkt, bis wir unter der Dusche oder beim Kochen plötzlich einen Einfall haben, der uns ins Herz unserer Geschichte führt. Doch wenn wir längst über diese Phase hinaus sind, wenn der Abgabetermin naht oder wir selbst nicht wissen, was uns jetzt schon wieder abhält in die Tasten zu tippen, dann hilft es Wissen darüber zu haben, weshalb Autoren – wie viele Andere, die selbstgesteuert arbeiten, auch  – prokrastinieren, anstatt zu schreiben und was sie dagegen tun können.

Gründe das Schreiben aufzuschieben

  1. Das Thema meiner Geschichte

Fesselt mich die Thematik genug, um ihre Tiefe auszuloten und sie von allen Seiten zu betrachten? Oder reicht meine Begeisterung für sie nur für eine Erzählung oder eine Kurzgeschichte?

Das automatische Schreiben ( = über einen vorher festgesetzen Zeitraum den Stift nicht absetzen, um so in den Schreibfluss zu kommen und das Unterbewusste wirken zu lassen) hilft dabei  eigene Themen wie versteckte Schätze an die Wasseroberfläche zu befördern. In der Autorenausbildung im Schreibhain entstehen aus diesem Schreibritual regelmäßig Portschlüssel für die eigenen Romanstoffe.

  1. Widerstände und Ängste

Hinter Schreibblockaden – und Prokrastination ist ein Hinweis auf das Bestehen einer solchen – stehen oftmals Ängste, die in Widerstand gegenüber dem eigenen Text münden und die dem Autor meist gar nicht bewusst sind.  Viele Ängste kreisen um Scham und Versagen. Was wird passieren, wenn sich Freunde in meinen Figuren wiederfinden? Was lösen meinen Figuren in mir selbst aus? Konfrontieren sie mich mit meinen eigenen Schattenseiten? Weiß – nach Erscheinen des Romans – auch mein verhasster Nachbar Anton, wer ich wirklich bin und kennt auch Hans-Otto, mein Bäcker, plötzlich die geheimsten Winkel meiner Seele? Was wenn ich dieses Riesenprojekt nicht bewältige und wenn mich dann Alle auslachen? Was sagt meine Freundin Karin, die eh die ganze Zeit schon zu kurz gekommen ist, wenn ich in meinem Bemühen scheitere?

In Momenten, in denen meine Studenten mit solchen Ängsten konfrontiert sind, überlegen sie – je nach Typ – fieberhaft welche Marketingidee für ihren Roman wohl besonders gut greifen könnte, ob sie überhaupt Talent haben oder warum Unmengen an Dingen anstehen, die getan werden müssen, bevor sie endlich Schreiben können.

Als ich in solch einem Augenblick zum wiederholten Male darüber nachgedacht habe, ob ich nicht doch eine Zusatzausbildung in Tiefenpsychologie benötige, traf ich Isabelle Boehning, eine wunderbare Autorin, die mir von ihrem Initialerlebnis mit Alan Watt berichtet hat. Das alles klang so magisch, dass ich begann ihn zu lesen. Tatsächlich hat es auch mich erwischt und ich bin sehr dankbar dafür, diese Begeisterung an meine Studenten weitergeben zu dürfen.

Alan Watt verwendet einen scheinbar ganz einfachen Trick: Er fordert Autoren auf, ihre ureigene Angst auf ihre Figur zu übertragen und so ein Band zwischen sich selbst und ihrem Protagonisten zu knüpfen.  So wird aus der kleinen persönlichen Angst, eine große universale, weil Ängste eben doch nicht so individuell sind, wie sie uns erscheinen mögen. Übertragen auf unseren Helden bekommen sie innerhalb seiner Geschichte und Entwicklung Wirkmacht und werden zur Triebfeder der Handlung.

Alan Watt gibt Autoren noch viel mehr an die Hand. Dies zu erklären, würde den Artikel sprengen. Wir werden aber im Frühjahr 2016 einen Workshop dazu geben.

  1. Sinnlich Erzählen und Welt erfahrbar machen

Nun kennt Ihr Eure Figur in und auswendig, habt Euch mit Euren eigenen Ängsten auseinandergesetzt und das richtige Thema gefunden und noch immer schleicht Ihr um den Schreibtisch herum?

Vielleicht kennt Ihr die Welt des Helden noch nicht gut genug, habt noch nicht genug Recherche betrieben, müsst Euer Thema noch erforschen? Es ist nicht nur eine wunderbare Ausrede, um Urlaub zu machen, wenn Ihr nach Frankreich fahrt, das südliche Licht in Euch aufnehmt und Spezialitäten der Bretagne esst, weil Eure Helden sich in dieser Region aufhalten.

Es hilft auch Experten um Rat zu fragen, z.B. Schlafforscher in ihren Laboren, wenn ihr über Jemanden schreibt, der keine Tiefschlafphasen erleben kann, nie ausgeruht ist und deshalb sehr, sehr schnell gereizt regiert.

Sprecht Menschen an, die sich mit Eurem Thema auskennen, findet Zeitzeugen oder Gesprächspartner, die ähnliche Situationen schon erlebt haben, studiert Interviews und findet Details, die in Eurer Geschichte eine Rolle spielen. Vergesst vor allem nicht, mit allen Sinnen zu schreiben. Wir können die Dinge der Welt eben nicht nur sehen; wir riechen, schmecken, ertasten und hören sie auch.

  1. Trennt das Schreiben und das Überarbeiten

Wenn ich schreibe, will ich diese Stimme nicht im Kopf haben, die mir erzählt wie wenig vollkommen meine Satzstellung ist, wie quälend öde mein Vergleich und wie falsch meine Metapher. Ich will auch nicht, dass Jemand hinter mir steht und den Zeigefinger erhebt, wenn sich Füllwörter und Wiederholungen in den Text schleichen. Meine mahnende Kritikerstimme hilft mir in dieser Phase nicht weiter, sie behindert höchstens den Prozess und meine Fähigkeit neue Verbindungen zu knüpfen und Absurdes zu denken.

Mein Tipp: Beschäftigt diese Stimme anderweitig, tut alles um sie zu bannen. Zu einem späteren Zeitpunkt dürft ihr sie gerne wieder einladen, dann, wenn es ans Überarbeiten geht, ans Fehler finden und umbauen. Die verletzliche Künstlerseele hängt an Klängen und Sätzen, an Absätzen, die für sich genommen schön sind, aber nicht in den Gesamtkontext des Werkes passen. Die Kritikerin wird sie gnadenlos streichen – und das ist gut so.

Auch wenn sich Künstlerin und Kritikerin nicht lieben, sie brauchen einander und sollten sich gegenseitig respektieren und schätzen. Eine ist ohne die Andere verloren.

  1. Nehmt Euer Schreiben ernst, gebt ihm Raum

Damit Euer Unterbewusstsein im Sinne Eures Textes weiterarbeiten kann, müsst ihr ihm dazu die Erlaubnis geben. Das tut ihr, wenn ihr Euer Schreiben ernst nehmt, wenn ihr täglich schreibt, es zu Eurem Ritual werden lasst. Plant Raum für Euer Schreiben ein, es ist wichtig und fordert Euch. Stellt Euch die Feder wie eine heimliche Geliebte vor, die nicht abgespeist werden will und Euch – solltet Ihr ihr widerstehen, das Leben zur Hölle macht. Denn auch Ihr seid dem Schreiben verfallen, habt ja längst ein Versprechen gegeben. Sucht Euch Orte, die Euch zum Arbeiten inspirieren und lasst Euch von Niemandem abhalten.

Menschen, die auch schreiben, sind wunderbare Gesprächspartner. Gebt Euch gegenseitig diese Unterstützung, sucht Euch Netzwerke, seien es Autoren, Lektoren, Schreibcoachs oder Autorenverbände, die Euch und Eure Tätigkeit ernst nehmen.

  1. Handwerk

Wenn Ihr mit dem Plot kämpft, nicht wisst, wie ihr diese verdammte Liebesszene so schreiben sollt, dass sie glaubwürdig und gleichzeitig sinnlich beim Leser ankommt und die Gefühle Eures Protagonisten transportiert, wenn Euch die Darstellung von Zeit durcheinandergerät und Ihr nicht so recht wisst, welche Erzählperspektive die Richtige ist oder was eine Perspektiven überhaupt ausmacht, dann fehlt es Euch wahrscheinlich an Schreibhandwerk. Ihr könnt Euch dieses auf unterschiedliche Weise aneignen: im Selbststudium, in Autorengruppen, in der Auseinandersetzung mit anderen Autoren und ihrer Poetik und durch Schreibworkshops bzw. Coachings, die auch der Schreibhain anbietet. Welchen Weg Ihr auch immer wählt, meist ist es eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen, die zum Erfolg führt und was für Tim richtig ist, muss für Anna noch lange nicht gelten.

Wenn Ihr mehr zu unseren Angeboten wissen wollt, kontaktiert mich gerne unter:

www.schreibhain.com / tanja@schreibhain.com

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