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Wo bitte geht’s hier zum Buch?

Schreibhain auf der #lar16 mit Studenten der Autorenausbildung 2_1Verloren auf der Messe Leipzig – ein Erfahrungsbericht von Patricia Caspari (Studentin in der Autorenausbildung – Jahrgang II)

Jetzt rechts, gerade aus oder doch lieber links? Als erstes verliere ich die Orientierung auf der Messe Leipzig. Die Hallen sind groß, voll und nach einem kryptischen System von Buchstaben und Zahlen, Straßen und Kreuzungen angeordnet, so dass mir schon kurz darauf auch der Verstand abhanden kommt. Was soll’s. Ich war noch nie ein Zahlenmensch, ich schalte einfach ab und lasse mich treiben, durch dieses Meer von Menschen und Ständen – auf mich wartet ja Keiner… Nein, niemand wartet hier auf völlig unbekannte Autoren und auf solche, die es mal werden wollen, erst recht nicht. Alle haben alle Hände voll damit zu tun, sich die Hände zu schütteln, sich Grußworte zuzurufen und zwischen all den Büchern zu reden oder daraus vorzulesen oder über sie zu reden. So viele Bücher! Gestapelt, aufgefächert, inszeniert.

Ich will gar nicht daran denken, dass ich auch so eines schreiben, also zu Ende schreiben will, und zwar so, dass es zwischen zwei Buchdeckeln landet. Ich will gar nicht daran denken, denn dann fällt mir ein, dass ich dieses Buch jetzt eigentlich schreiben sollte, anstatt hier meine Zeit zu vergeuden und so tue ich das, was jeder macht, der auf der Buchmesse Leipzig nichts zu suchen hat: Ich schlendere in die Halle Eins zur Manga Comic.com und fühle mich sogleich mit den Pubertierenden in den Kostümen ihrer Manga Helden tief verbunden, die sich da – mal verpickelt, mal recht hübsch, mal streng riechend- , aufwändig kostümiert und frisiert, in Rollen probieren, nicht wissend, was sie mal darstellen sollen, zumindest aber für den Moment jemand sind.

„Es tut gut, jemand anders zu sein, wenn man nicht weiß, wer man ist“, will ich ihnen zurufen. Oder: „Habt keine Angst, es wird nicht besser, wenn man älter wird, nur anders!“ Aber das würden sie ja nicht verstehen, das versteht man erst, wenn man älter ist. Stattdessen ertappe ich mich dabei, wie ich um einen Perückenstand herumschleiche und überlege, ob ich mal die mit den rosa taillenlangen Haaren aufsetzen sollte oder die mit den grauen, oder die rotgelockte. Aber die Perücken hängen weit oben, und ich müsste die Verkäuferin mit der fliederfarbenen Perücke und den Häschenohren fragen, die da mit einem langen Stab bewaffnet steht, ob sie mal diese oder jene Perücke herunterreichen könnte, und dann müsste ich ihr bestimmt sagen – damit sie weiß, welche ich meine, von welcher Manga Figur die Perücke ist. Und ich kenne die alle nicht, keine einzige Manga Heldin. Und wie sie mich so gelangweilt anschaut, (denn ich schleiche schon zum zweiten Mal um den Stand) mit ihrer Fliederperücke und den Häschenohren, spricht ihre kastenförmige Brille zu mir, die wohl nichts mit ihrem Kostüm, wohl aber mit einer Sehschwäche zu tun hat.

„Halte Dich fern, Unwissende“, zischt die Brille. „Diese Schätze sind nicht für Dich, Du Ahnungslose. Ich bin vielleicht Manga Expertin, vielleicht auch nur die Verkäuferin, aber der Stab ist meine Waffe, und ich darf hier sein, denn ich verkaufe diese Perücken.“ Und weil ich einfach stehen bleibe, funkelt die Brille böse: „Sie könnten deine Kinder sein.“

Ich schlucke. Ja…ein Großteil der Mangabesucher könnte tatsächlich meine Kinder sein. Ich verliere hier nur noch mehr Zeit. Die Brille vertreibt mich aus der Manga Comic.con in die nächste Halle, wo sich die großen Verlagshäuser aneinander schmiegen. Kate Morton lächelt mich auf einem Cover an. Und weil sie so schön lächelt, lese ich mir alle Inhaltsangaben ihrer Romane durch und überlege, ob ich auch Briefe verschwinden oder Grundstücke verwildern lassen sollte, um den Leser zu entführen, aber mein Innerstes schüttelt sich. Nein, das ist nicht dein Weg.

Und dann sehe ich sie: zusammengekauert auf einer Bank sitzend zwischen all den Entscheidungsträgern ihres Verlags: Ronja von Rönne. Und ihr junges Gesicht sieht genauso aus, wie auf den unzähligen Bildern in Zeitschriften und Magazinen und im Netz. Selbst ihr Leberfleck wirkt nicht kleiner oder größer oder haariger oder heller oder dunkler, nein er sieht genauso aus wie die vielen Male zuvor auch. Und ich denke an ihre Sätze, die genau das sagen, was sie sagen, nicht mehr und nicht weniger. Ohne doppelten Boden und ohne Geheimnis. Klar in ihrer Gemeinheit und unfassbar in ihrer Einfachheit. Was sie zur Stimme ihrer Generation macht, sagt das Feuilleton. Und mir fällt Judith Herrmann ein und Helene Hegelmann. Stimmen ihrer Generationen, von denen ich nichts mehr gehört habe. Was machen die eigentlich so? Ich bin froh, dass ich nicht zu jung ein Buch geschrieben habe, wobei mir wieder einfällt, dass ich doch eigentlich jetzt schreiben sollte, und ich beschließe, dass ich nie wieder zur Buchmesse gehen werde, bevor ich nicht zumindest ein fertiges Buch geschrieben habe.

Aber am nächsten Tag bin ich wieder da und finde den einzigen Platz auf der Buchmesse, der mein Dasein dort rechtfertigt. Bei der Leipziger Autorenrunde stelle ich erleichtert fest: Huch, die sind ja fast alle so wie ich, stehen am Anfang oder kommen nicht weiter, suchen nach Schreibtechniken oder Verlagswegen, hören den Dozenten zu, wechseln die Tische, stellen Fragen, versuchen die Inspiration, die Kraft, das Know How zum Weitermachen zu finden. Zu über vierzig Themen wird geredet, gefragt und auch gelacht, jeweils 45 Minuten, dann heißt es Themawechsel. Das Ganze geht von zehn bis halb fünf an einem Samstag. Man kann sich nur für eine Auswahl der Themen entscheiden, aber immerhin. Dazwischen gibt es Kaffee und Suppe und Brötchen. Uns geht es gut hier. Hier wird über das Schreiben geredet, nicht über das Geschriebene. Und ich weiß, dass ich hier richtig bin, endlich mal – und ich mich nicht verkleiden muss dafür. Und das, was ich auf der Messe verloren habe, finde ich wieder: ich orientiere mich an Schreibtechniken, fühle mich inspiriert durch neue Ansätze, mein Verstand kitzelt mich mit neuen Ideen. Beschwingt fahre ich nach Hause, um endlich wieder weiter zu schreiben an dem, was in meinem Kopf so viel Raum einnimmt und ich endlich zwischen zwei Buchdeckel pressen will.

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