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Ana Bulovic

ist Stipendiatin im Jahrgang XXIV

Trommelwirbel und Applaus: Wir beglückwünschen von Herzen unsere neue Stipendiatin Ana Bulovic. Mit ihrem Text Raum für die Wahrheit hat sie die Schreibhain-Jury für sich eingenommen.

In der Jurybegründung heißt es: „Bulovic erzählt vom ersten Satz an eindringlich, beinahe intim. Dabei ist die Welt, die sich uns allmählich öffnet, eine zunächst fremde. „Raum für die Wahrheit“ arbeitet mit überraschenden Bildern und gekonnt geführten Perspektiven. Gegenwart und Vergangenheit bedingen sich. Ein Mosaik aus Erzählstimmen, ebenso kraftvoll wie brüchig.“

Hier lest ihr den Gewinnertext:

Ana Bulovic: Raum für die Wahrheit

Dragan ~2003, ein Jahr nach ihrem Verschwinden

Sie hasste es, an den Preis für Mehl, an Verwandte und Nachbarn zu denken. Sie war verrückt, dass das klar ist. Eines Nachts weinte sie. Das war schon eine Weile so. Sie sagte mir, dass sie fühlen will, Musik wirklich hören. Farben wirklich sehen. Sie konnte auf diese Art verrückt sein manchmal. Ich stimmte ihr zu, das musste ich, denn ich selbst war ein Dichter. Aber in mir hatte es nie so einen Trotz, so eine Wut gegeben. Ich dachte, dass ich Musik wirklich hören konnte. Wir brachten sie aus dem Krankenhaus nach Hause, noch benommen von den Schmerzmitteln. Ich erinnere mich, dass im Auto Hendrix lief, das Lied „Third Stone from the Sun“. Sie hatte einen Blick in den Augen, als wäre sie sehr weit weg, weit, weit weg. Aber auch eine Art Frieden, als wäre sie endlich zu Hause. In diesem Moment hatte ich Angst und spürte eine seltsame Sehnsucht nach ihr, schon von einer grauen Melancholie durchwoben. In jener Nacht war ihr Hunger unerträglich. Sie wollte mich, wollte, dass ich sie wollte. Wahrscheinlich wollte sie wieder etwas fühlen, mich wirklich spüren, wie dieses Lied. Und während ich in ihr war, das Gefühl unbesiegbar, großartig und stark zu sein aus ihrem Schweiß lecken konnte… einen Moment später schon… wurde es mir irgendwie klar. Ein Provinzpoet ist nicht der König des Universums. Ihr Leben drehte sich um eine Art schwarzes Loch, ein unwiderstehliches Zentrum ihrer Gedanken und Wünsche, unzugänglich für mich und alle anderen. Und ich glaube, eine Zeit lang dachte ich, meine Poesie, meine süßen Abweichungen, mein zahmer Wahnsinn wären Teil dieses schwarzen Lochs. In meinen wildesten Momenten dachte ich, ich sei ihr schwarzes Loch. Aber in diesem Moment wusste ich es irgendwie schon. Das war ungefähr ein Jahr, bevor sie verschwand. Und was soll man tun, wenn das Leben aus Orten besteht, an die du nicht mehr darfst? Wenn du weder dem Wunsch trauen kannst, dich zu erinnern noch dem zu vergessen? Manchmal bin ich so wütend auf sie. Hätte ich sie doch nur nie kennengelernt. Manchmal stelle ich sie mir vor, vom Leben gedemütigt, wie sie in einem Büro Papiere abstempelt.

Nächster – genehmigt. (BAM)

Bitte, Herr Jarni, knöpfen Sie Ihr Hemd während der Arbeit nicht auf, das ist wirklich unangemessen. (BAM)

Das geht leider nicht, gnädige Frau, aber vielen Dank für die Einladung. Ich bin gerade auf Diät. Guten Appetit. (BAM)

Es ist unmöglich, einem solchen Antrag hier direkt stattzugeben; Sie müssen ins Büro im vierten Stock gehen und einen Antrag auf erneute Prüfung stellen. (BAM)

Ich lächle hämisch, wenn ich mir das vorstelle. Doch dann taucht sie wieder auf neben mir, mit ihrem boshaftesten Lächeln, und wieder, verflucht sei sie, amüsiert sie sich über den Witz, als ob ich ihn ihr gerade erzählt hätte. Als ob ich ihn nicht nur erfunden hätte, um sie loszuwerden. Und wieder bin ich am Anfang, und wieder liebe ich sie. Wieder ist sie meine engste Freundin und meine einzige anspruchsvolle Geliebte. Mein verfluchtes schwarzes Loch.

 

Svemir ~1900, Erster Balkankrieg, Urgroßvater

Gestern brachten sie uns Munition. Wieder warten. Meine Kameraden sind mir fremd. Ich habe meine Nagant (Nagant M1895), Nene, wie wir es liebevoll nannten, gereinigt und mit Kugeln geladen. Ich werde die sieben Kammern füllen und sie in sieben Löcher völlig anderer Art verwandeln. Die Zeit, die wir hier in der Kaserne verbringen, gehört nicht uns. Sie gehört unseren Kindern, wenn sie Glück haben. Sie gehört ihren Kindern. Letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. Marija hustete. Ich glaube, ich habe Blut auf ihrem Kissen gesehen. Tuberkulose. Jakša gibt ihr Rakija, wenn er denkt, wir sehen nicht hin. Ich tue so, als bemerkte ich es nicht. Er hat Recht. Es geht mich nichts an. Letzte Nacht habe ich wieder schlecht geschlafen, wieder böse Träume gehabt. Aber etwas war anders. Wie immer träumte ich von bosnischen Bergen und Minenfeldern. Doch diesmal sah ich ein Mädchen, das frei durch ein Minenfeld ging. Sie war wunderschön, so wie Frauen nur in Träumen schön sein können. Keine Sorgen auf ihrer Stirn. Ich rief ihr zu, sie solle stehen bleiben, nicht weitergehen, sie würde sterben. Sie drehte sich um, und ihre Augen waren ganz weiß, ohne Iris, ohne Pupillen. Sie lächelte und sagte: „Aber Onkel Svemir, ich bin doch schon weg.“ Dann ging sie weiter durch das Minenfeld. Ich wachte auf mit Tränen in den Augen. Ich bin schon weg. So ist es für uns alle hier in der Kaserne. Wir sind schon weg. In gewisser Weise fühle ich mich in der besten Gesellschaft, die es gibt: in der Gesellschaft von Menschen, die erkannt haben, dass die Zukunft immer noch mehr wert ist als eine faule Bohne. Sie schickten uns nicht zur Schule. Wir waren nicht auf Partys, wo man sich die Hände schüttelt und die Zähne zeigt. Unser Werkzeug des Wandels ist die Nagant. Und die Löcher, die wir damit reißen werden.

 

Kalina

Nun, meine Liebe, uns Roma fragt nie jemand irgendwas. Man sagt, wir werden von beiden-Gott und Menschen- gehasst. Aber die kleine Jelena hab ich geliebt, als wäre sie meine eigene Tochter. Als wir nach dem Krieg ins Dorf kamen, mochten uns die Leute gar nicht. Aber unter uns gesagt, meine Liebe, liebten diese Leute niemanden besonders, weder vor noch nach dem Krieg. Und was hätten wir tun sollen, das Schicksal hatte uns dorthin geführt? Ich sah all diese Kinder wachsen wie Kakteen aus Stein. Ich verstand nicht, wie, aus welcher Liebe. Und doch wurden sie alle groß… ach, fast alle. Jelena nicht. Oder vielleicht nicht. Es war seltsam. Wäre sie gestorben, hätte man sie irgendwo gefunden, wir wüssten, dass sie irgendwo angelangt war. Aber so… Alle warteten und warteten. Bis heute haben Božo und Anđelka Gesichter, die vom Warten gezeichnet sind, Fragezeichen in den Augen. Es ist schwer. Es ist schwer, selbst wenn man eine Art Ende vor Augen hat. So wie jetzt – man hasst sich selbst dafür, dass man wartet, hofft, und man hasst sich noch viel mehr, wenn man nicht wartet, wenn ein Tag ohne Hoffnung vergeht. Als ob man sie persönlich getötet hätte, wenn man sie aufgibt. Anđelka kam nach ihrem Verschwinden immer wieder zu mir und wollte, dass ich ihren Kaffeesatz lese. Ich Verfluchte. Was sollte ich ihr nur sagen? Es war furchterregend, nur hineinzusehen. Jahrelang sagte ich ihr, dass ich nicht umsonst lese und dass ich kein Geld von ihr annehmen würde. Ich wollte es ihr nicht weiter erklären. Soll sie doch wütend sein. Es war mir lieber, wenn sie mich hasste oder glaubte, dass ich sie hasste, als ihr Schicksal zu lesen. Ihr irgendeine Art von Hoffnung aus einer Kaffeetasse zu verkaufen oder ihr ein Ende anzubieten? Vielleicht hätte eine stärkere, weisere Frau gewusst, was zu tun ist. Ich wusste es nicht. Aber dann änderte sich etwas. Entweder in ihr oder in mir.

Eines Tages kam sie und bat mich nicht, den Kaffee zu lesen. Sie fragte einfach, ob wir zusammen Kaffee trinken könnten. Ich schickte die Kinder hinaus, auch meinen Mann. Sie nahm das alles hin, als wäre es selbstverständlich; sie bot ihnen nicht einmal an, dazubleiben. Ich erinnere mich, dass mein Kleid noch nach der Leber roch, die ich am Vortag gebraten hatte, und nach Knoblauch. Wir saßen in unserer kleinen Küche. Sie hielt eine Zigarette in der Hand, hatte sie aber noch nicht angezündet. Mit hochgezogenen Augenbrauen fragte sie, ob es in Ordnung sei. Ich antwortete mit meinen Augen, dass es in Ordnung sei.

„Erzähl mir von Jelena“, flehte sie. Ich besah meine Hände, an denen man ein ganzes Leben voller Arbeit, Kochen und Waschen ablesen konnte. Ich roch meinen Geruch, fühlte mich seltsam. Plötzlich erinnerte ich mich an das Gefühl, als Jelena verschwand. Ein Teil von mir verschwand mit ihr. Diesen Teil von mir sollte ich bewahren können, verstehen, was Jelena in mir geweckt hatte – aber vergeblich. Ich spürte nur die Abwesenheit von etwas. Doch diese Leere, diese Dunkelheit, konnte nicht umreißen, was an seiner Stelle hätte da sein sollen. Also erzählte ich es ihr. Weißt du noch, als mein Bobo mit dem Mädchen von Crnjanski weglief? Weißt du noch, was sie gesagt haben? Dass ein “Zigeuner” ihren Verstand vernebelt hatte, dass er sie verhext hätte? Weißt du noch, was Jelena sagte? Sie war noch so klein. Sie sagte: “Bobo riecht nach Liebheit, und sein Lächeln schmeckt wie gerösteter Zucker. Bobo ist der allerschönste Junge der Welt. Und ich hab die Welt gesehen.” Das sagte sie und zeigte mit ihrem kleinen Finger auf ihre Stirn, zwischen ihre Augen, um mir zu zeigen, wo sie die Welt gesehen hatte. Sie sagte das und sah mir dabei direkt in die Augen, weil sie meinen Schmerz kannte.

Anđelka weinte, ohne Tränen zu vergießen. Dann begann sie zu sprechen. “Erinnerst du dich, als der Krieg ausbrach und Atanasije diese schöne, dunkelhaarige Frau mitbrachte, die er heiraten wollte? Erinnerst du dich an Ajla? Du weißt das nicht, aber als ich noch ein kleines Mädchen war, war ich in ihn, in Atanasije, verliebt. Und er in mich, aber er wollte weg,fliehen von hier. Und meine Eltern ließen mich nicht ohne Hochzeit gehen. Und er wollte mich nicht heiraten. Jedes Mal, wenn er zurückkam, brachte er mir etwas mit, eine Schachtel Pralinen, einen Schal. Dann kam er einmal mit einem Mädchen. Und da brachte er mir auch eine Schachtel Pralinen mit, daran erinnere ich mich. An diesem Abend schloss ich mich im Badezimmer ein und weinte. Plötzlich waren all die anderen Geschenke leer, bedeutungslos. Mit dieser letzten Schachtel Pralinen wurde er nur noch ein netter Fremder. Damals brachte er Ajla mit. Jelena war schon fünf oder sechs. Ajla war wunderschön, schwarze Augen, lange Wimpern, schwarzes Haar. Was erzähl ich – jeder erinnert sich an Ajla. Weißt du, was Jelena damals zu mir sagte? Mama, ich wünschte, du wärst so schön wie Ajla. Sie war klein, was wusste sie schon… An diesem Tag hatte ich das Gefühl, dass Atanasije und Jelena mehr zu Ajla gehörten als zu mir. Als wären all die schönen, zarten Momente meines Lebens an diese mir fremde Frau gegangen. Später an diesem Tag, als Jelena beim Überqueren der Straße hinfiel und nach ihrer Mutter rief, wusste ich, dass sie nach mir rief. Und irgendwie wachte ich aus diesem Albtraum auf. Ich weiß nicht warum, aber weißt du, das sind die Dinge, an die ich mich am meisten erinnere… Und ich sterbe immer noch an einem Wunsch, sie wiederzusehen.”

VITA

Ana Bulovic wurde 1989 in Kroatien geboren und lebt in Berlin. Sie schreibt, komponiert und macht Theater – auf Kroatisch, Englisch und Deutsch. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle dieser Formen und sucht nach komplexen Wahrheiten, die sich moralischer Auflösung widersetzen: nach Gegensätzen als Lebenszustand, und nach dem, was zwischen Körper, Sprache und Erinnerung unübersetzbar bleibt.

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