Suche
  • Autorenschule Berlin
  • + 49 (0)177 3216298
Suche Menü

Das Schreibhain-Stipendium im Jahrgang XXV
geht an
Hermine Vulturius

Trommelwirbel und Applaus für: HERMINE VULTURIUS. Herzlichen Glückwunsch!

In der Jurybegründung heißt es:

Vulturis Text zieht die Leser:in in einen Kosmos, der sich mittels kindlicher Perspektive öffnet. Die Erzählstimme entfaltet dabei eine Sogwirkung, die sich in der Sage um die Herrin des Sees noch einmal verdichtet. Was zunächst wie eine beiläufig eingestreute Nebenerzählung erscheint, zieht seine Fäden unmerklich durch den Text und wird so zu dessen poetischem Nukleus.

Für ihren Romanauszug „Krach“ zeichnet die Jury Vulturius mit dem Schreibhain-Stipendium des Jahrgangs XXV aus. Wir gratulieren herzlich.

 

Romanauszug „Krach“ von Hermine Vulturius

29

Wir standen da, wo wir mit dem Auto immer standen, an der großen Kreuzung aus dem Ort raus, wenn meinen Eltern einfiel, dass sie etwas vergessen hatten. Das war so ein Ritual, das dazugehörte, wie die alten Songs, die wir auf der Autobahn hörten, aber vorher auf gar keinen Fall, vorher höchstens Radio. Beim dritten Mal an der großen Kreuzung, wenn wir schon zweimal zurückgefahren waren, um noch etwas zu holen, fuhren wir weiter, solange es nicht meine Tablettendose war. Die holten wir immer noch.

Meine Mutter nahm jeden Morgen die Pille, sie hatte einen eigenen Wecker dafür. Ich überlegte manchmal, sie zu verstecken, nachdem sie mir erklärt hatte, dass sie ohne schwanger werden würde. Ich wünschte mir, ihr Bauch würde größer und größer werden. Und dann würde ich Geschwister bekommen, die mir hinterherliefen, wie kleine Entenbabies. So dachte ich mir das, ich bin mir auch etwas unsicher, ob ich mir echte Kinder vorstellte oder tatsächlich Entenbabies. Aber stattdessen nahm meine Mutter weiter die Pille und ich war lange genug wütend auf sie, dass sie das so durchzog.

Du und ich, wir saßen ganz hinten, in der Familienkutsche von meinen Eltern, wie dein Vater sie genannt hatte. Er saß auf der mittleren Bank zusammen mit den Zelten und dem Grill, das alles hatte nicht mehr in den Kofferraum gepasst. Da saßen wir ja auch noch.

Unsere Eltern hatten das vorgeschlagen und wir hatten das gut gefunden, vor allem, nachdem uns gesagt wurde, wir durften zusammen in einem Zelt schlafen. Wir hatten noch nie in einem Zelt geschlafen und kannten das nur aus Filmen, vom Sandmann und dem kleinen König, daran dachten wir, wie Ameisen durch unser Zelt spazierten, wir wir uns anstrengen mussten, um durchzuhalten, draußen in der dunklen Nacht.

Wir vergaßen nichts, dieses Mal. Es waren nur ein paar Stunden bis zum Campingplatz. Wir bauten die Zelte auf und ich verstand gar nicht wie das ging, ich kann bis heute keine Zelte aufbauen und finde immer eine Ausrede, um es nicht zu tun.

Am Abend grillte dein Vater. Er stelle sich gut an, meinte meine Mutter, daran kann ich mich noch erinnern, weil sie dabei gelacht hat. Nach dem Essen setzten wir uns an den See, meine Eltern rauchten, sie hatten aufgegeben, es vor uns zu verstecken. Dann nahm dein Vater die Taschenlampe, hielt sie sich unters Gesicht und erzählte die Sage von der verwunschenen Burg im See, die alle 100 Jahre zum Johannistag auftauchen würde, mit seiner Herrscherin, die alle Männer, die um ihre Hand anhielten, geköpft hatte. Ich fragte mich, wie das wohl wäre, sie zu treffen. Dein Vater meinte, es wäre so eine Johannisnacht, heute. Ich überlegte, wie böse die Herrin wohl wirklich war und wie einsam sie sein müsste, in ihrer Burg unten am Grund des Sees.

In der ersten Nacht waren da keine Ameisenstraßen in unserem Zelt. Die Zweige knackten um uns herum, ein paar Zelte weiter redeten Menschen miteinander, wir hörten ein Baby weinen, aber mehr nicht. Alles in allem war es doch sehr enttäuschend und viel weniger aufregend, im Zelt zu schlafen, als wir uns das gedacht hatten.

 

30

Am frühen Morgen schlichen wir uns aus den Zelten und setzten uns an den See. Wir durften nicht ohne unsere Eltern baden gehen, hatten sie gesagt, ich konnte noch nicht schwimmen. Und meine Mutter bewahrte die Schwimmflügel und Badesachen in ihrem Zelt auf, da kamen wir nicht ran.

Deswegen gingen wir nur bis zu den Knien ins Wasser, das war ja kein Baden und ohnehin. Mir ging die Herrin des Sees nicht aus dem Kopf, ich wollte gerne schwimmen lernen, ich wäre gern ein Wassermonster, das einfach durch den See tauchen konnte, um nach der Burg zu suchen. Die Herrin hackte ja schließlich nur den Männern ihre Köpfe ab, ich würde sicher sein. Und vielleicht könnte ich eine Weile bei ihr sein, ihre Schätze sehen und dann wieder zurückkehren. Du sagtest, du würdest das blöd finden, du könntest dann ja nicht mitkommen, weil du nicht so genau wüsstest, wie eng die Herrin das sah, mit Jungen, die vielleicht irgendwann einmal zu Männern werden würden. Auch wenn du dich sowieso ganz sicher nicht für eine jahrhundertealte Frau interessieren würdest, die in einem verdammten See wohnte, am gefühlten Ende der Welt. Und wer weiß, was alles noch so passieren würde. Da könnte man seine Zeit nicht am Boden von so einem See verschwenden.

Also ging ich nicht weiter als bis zu den Knien rein und wir liefen auch früh genug zurück, sodass unsere Eltern gar nichts bemerkten.

Meine Mutter und ich liefen vor, zum Beginn des Campingplatzes, zum Laden, um die vorbestellten Brötchen abzuholen. Sie kaufte noch zwei Zahnbürsten und meinte halb im Spaß zu mir, ich sollte es nicht an die große Glocke hängen, dass sie doch etwas vergessen hatte.

Am Nachmittag fuhren wir mit dem Floß über den See, das dein Vater ausgeliehen hatte. Und alle, selbst du, sprangen immer wieder vom Boot und schwammen. Ich beobachtete vor allem die Wasseroberfläche, ob ich irgendwas ausmachen konnte, von der Burg. Meinen Vater beauftragte ich, zu tauchen, so richtig tief, ob er was sehen würde. Dann nahm er mich mit ins Wasser, hielt mich mit den Händen über Wasser, ich sollte die Bewegungen machen, so wie du, wie ein Frosch sollte ich mich bewegen. Und solange er mich über Wasser hielt, klappte das gut, aber sobald er mich losließ, schluckte ich Wasser und musste wieder Hundepaddeln, um nicht unterzugehen. Du liegst noch zu schräg im Wasser. Versuch mal die Bewegungen zeitgleich zu machen, also mit den Beinen und den Armen. Spann mal deinen Körper mehr an. Nee, nicht, so!

Meine Mutter und dein Vater sahen uns vom Floß aus zu, sie rauchten eine Zigarette nach der anderen zusammen.

Ich lernte es einfach nicht. Ich würde es nie lernen. Warum muss mit dir immer alles so schwer sein, sagte er und bereute es sofort. Ich wusste, ich konnte sein schlechtes Gewissen nutzen und meinte, er solle nochmal richtig richtig tief tauchen, und gucken, ob er was von der Burg sehen konnte.

 

31

Nachts träumte ich von ihr. Die Frau im See, die mich unterstuckte, bis ich keine Luft mehr bekam und ohne Erinnerungen am Boden des Sees aufwachte. Sie hielt mich dort eine Weile, ich wusste aber, dass mir irgendwas fehlte, ich versuchte zu entkommen, aber sie fing mich immer wieder ein.

Ich wachte auf, mit Heimweh, nach meinen Eltern. Du neben mir im Zelt schliefst tief und fest. Ich packte meinen Schlafsack, mein Kissen, die Fünf, die ich mitgenommen hatte und lief rüber zum Zelt meiner Eltern. Dann kuschelte ich mich in die Arme meines Vaters, der das im Halbschlaf kaum mitbekam und ließ mich von seinem Schnarchen in den Schlaf wiegen. Meine Mutter war nicht da.

Am nächsten Morgen war sie schon wach, hatte die Brötchen von vorne geholt und Kaffee gekocht. Dein Vater entschied, dass du und er noch einen Tag länger bleiben würden und dann mit Taxi und Bahn zurückfahren würden. Wir nahmen schon einen Teil von euren Sachen mit, damit ihr nicht zu viel zu schleppen hattet. Die Autofahrt über hörte ich Hörbuch auf dem MP3 Player, den ich zum Geburtstag bekommen hatte. An einer Raststätte hielten wir an, ich wartete im Auto, bis meine Eltern wiederkamen, sie hatten sich mal die Füße vertreten müssen.

Dann fuhren wir zurück, in aller Stille, den Rest des Sommers gingen sich alle Erwachsenen aus dem Weg.

 

Vita

Autor*in Hermine Vulturius in Leipzig, 01.02.2024
(c) Michèle Yves Pauty

 

Hermine Vulturius wurde 1997 in Berlin geboren und studiert Erziehungswissenschaften in Halle. Literarische Erfahrungen wurden am Literaturinstitut Leipzig und bei den Open Poems 2023 gesammelt. Vulturius engagiert sich neben dem Schreiben in der Solidarischen Lesebühne und im Verein für Literaturvermittlung Leipzig.

 

Veröffentlichungen in:

  • Oasen der Großstadt: Schreibwettbewerb zur Internationalen Gartenausstellung 2017 in Berlin. Ausgewählte Beiträge. Hrsg: Renate Zimmermann. Simon Verlag für Bibliothekswissenschaften, 2017 ISBN: 978-3-945610-38-1
  • #Lockdownlyrik – 100 Gedichte von 100 Autor:innen. Trabantenverlag Berlin, 2021 ISBN: 978-3-9822649-2-9
  • Tippgemeinschaft 2023. Connewitzer Verlagsbuchhandlung ISBN: 978-3-948814-13-7
  • Anthologie des Poesiefestivals Berlin 2023: no one is an island des Haus für Poesie
  • Tippgemeinschaft 2024. Connewitzer Verlagsbuchhandlung ISBN: 978-3-948814-16-8 • Tippgemeinschaft 2025. Connewitzer Verlagsbuchhandlung ISBN: 978-3-948814-20-5

Schreibe einen Kommentar

Wir benutzen Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch deinen Besuch stimmst du dem zu.