Wenn man seine Schublade aufräumt, dann findet man Allerhandlei, zum Beispiel die untenstehende Kolumne. Wäre ich ein Metzger, würde ich aus Übriggebliebenem Fleischsalat machen (und im Zweifel verklagt werden), allein Kolumnen haben, Gott sei Dank, eine etwas längere Haltbarkeit und doch – ach, ach – auch über darin beschriebenes geht die Zeit hinweg (nur dass man nach deren Genuss nicht speiben muss, allenfalls etwas melancholisch wird). Diese Kolumne ist jedenfalls die letzte aus dem Literaturhauscafé, das angeblich irgendwann wieder öffnet – selbst wenn: Renovierungen haben einem Kaffeehaus selten gut getan und auch der Untergang des Café Einstein (STAMMHAUS!) wurde ja von Renovierungsarbeiten eingeleitet…

KAFFEEHAUSKLAGE
Sogar ich werde irgendwann Dreißig und plötzlich findet man sich in einem Alter, wo man mitunter unweigerlich denkt: früher, ja früher. Früher, da verliebte ich mich in beinahe jede Kellnerin. Genauso wie heute, höre ich, mit Recht, entgegnen – nun, gewiss, aber die dazugehörigen Schwärmereien sind inzwischen leider doch nüchterner geworden. Weil ich längst vergreist bin? Weil alle neuen Kellnerinnen einfach keinen Charme mehr haben? Nein, sondern weil sie von einer kaltherzigen Kassenzettelverwaltung aufs schändlichste degradiert werden, diese armen, lieblächelnden Wesen…
Wie meinen? Es ist nämlich so: früher ging man in ein Café, aß, trank, schäkerte und verliebte sich ganz nebenbei. Dann zahlte man, gab viel zu viel Trinkgeld und erhielt dafür einen Zettel, der Nahrung war für ein langes Schwärmen hernach, den sogenannten Bon (und ich wollte das damals durchaus französisch interpretiert wissen) – auf dem nämlich stand: Es bediente sie Clara, oder: Es bediente sie Rosa, oder man wurde von Friederike bedient, je nachdem, Sie verstehen… Dann trat man auf die Straße, wie betäubt von soviel Charme und Witz und sicher auch den blonden Locken und ging stundenlang Spazieren, immerzu denkend: Es bediente mich Clara, oder es bediente mich Rosa, oder eben Friederike. Anschließend zog es einen in eine Bar, man trank seinen Cognac, schrieb ein unsterblich verliebtes Gedicht auf Rosa und Konsorten, schäkerte mit der Barbedienung, spürte ein leises Kribbeln im Kopf (Cognac) sowie im Bauch (Bedienung), ehe die erlösende Rechnung kam: Es bediente Sie Flora. Ja, dergestalt gings munter fort.
Wie trist, wie traurig, wie öde jedoch heute, ich musste es gerade eben wieder erleben: ein vollkommener Abend, ein inniges Glücksgefühl sondergleichen und derart viel zwischen dieser Kellnerin und mir, was man in Frankreich „tendress“ nennt und wofür es hier, typisch, wieder einmal kein passendes Wort gibt – und letztlich, o Traurigkeit, o Herzeleid, der zum Kassenzettel herabgewürdigte Bon: Bedienung 14. Nichts weiter als das.
Man könnte schon manchmal verzagen, in dieser geist- und gefühllosen Welt…
Vita

Von uns genötigt, den Versuch einer kleinen Vita zu wagen, beschreibt Kleemann sich wie folgt:
Hans Kleemann wurde 1995 in Dinkelsbühl geboren und zwar am selben Tag wie Hölderlin und der verrückte König Ludwig – es mag wohl daran liegen, dass er erst die Flucht und dann die Leier ergriff. Seitdem schreibt, dichtet und komponiert er in Berlin.
Kleemanns Debüt „Jeder einmal in Berlin“ erschien im März 2024 im Adakia Verlag.
