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Create your revolution – Die Frankfurter Buchmesse 2019

Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2019

Wie jedes Jahr begann für den Schreibhain die Frankfurter Buchmesse am Dienstag mit den Eröffnungsfeierlichkeiten.

Die Vertreter*innen des norwegischen Gastlandes waren mit der Kronprinzessin Mette Marit und Kronprinz Haakon bereits mit einem extra dafür vorgesehenen Literaturzug angereist.

Jürgen Boos eröffnete die Feierlichkeiten und betonte den Beitrag von Bildung und sozialen Einrichtungen als Schutz gegen Fremdenfeindlichkeit. Kultur dürfe nicht in die Außenbezirke der Gesellschaft verbannt werden, denn sie sei ihr eigentliches Rückgrat. Im Zuge der größten Revolution, die der Menschheit bevorstünde, nämlich dem Klimawandel, habe man sich auf das Motto, unter dem die Frankfurter Buchmesse 2019 stünde, verständigt: CREATE YOUR REVOLUTION. Ganz im Sinne Margarete Atwoods, deren Lieblingswort und sei, denn in jedem und liege soviel Hoffnung verborgen.

Die Ministerpräsidentin von Norwegen, Erna Solberg, beschwor die Literatur und ihre Wirkmächtigkeit. In und mit ihr träumten Gesellschaften, durch sie entstünden Visionen für eine neue Welt und sie vermittle jenes Wissen, zu dem wir auch emotional Zugang finden könnten. Die besondere Gabe, die ausschließlich der Fiktion innewohne, sei es, durch Perspektivwechsel Fremdartiges verstehen zu können. Norwegen lege großen Wert auf Unparteilichkeit, sei dabei aber niemals werteneutral – und ein ganz wesentlicher Wert sei der Frieden. Literatur käme die Aufgabe zu, Brücke zu bauen und Unrecht in Worte zu fassen. Solberg betonte dabei auch die Rolle der Übersetzer*innen, denen dabei eine nicht zu unterschätzende Aufgabe zukäme.

Susanne Zeyse und Tanja Steinlechner bei der Eröffnung der FBM 2019

Die Schriftstellerin Erika Fatland und der Schriftsteller Karl Ove Knausgaard waren meine ganz persönlichen Highlights, denn sie erzählten davon, wie die Literatur ihr Leben prägte und was es für sie bedeutet, wenn jene Inhalte, von denen unter anderen Jürgen Boos, Erna Solberg und Heiko Maas sprachen, über die Fiktion Eingang in die Wirklichkeit finden. Was die Vorredner*innen beschworen, nämlich die Magie der Sprache und des Wortes, davon wussten sie zu erzählen.

Erika Fatland

Erika Fatland gewann allein schon durch ihren Humor die Herzen der Besucher*innen. Sie erzählte von sich als Kind, das ihrem Vater große Sorgen bereitete, denn dieses Kind las lieber Hamsun, als wandern zu gehen. Viele im Saal werden dieses Abtauchen in die Sphären der Fiktion nur allzu gut gekannt haben. In mir jedenfalls wurden Bilder lebendig, die ähnliches zu berichten gewusst hätten. Sehnsucht nach einer bunten und vielfältigen Welt wird über Geschichten geschürt. So auch bei Fatland, die viel unterwegs war und ist, die zu berichten wusste, wie Kinderaugen im Himalaya leuchten, wenn sie lesen lernen dürfen und wie sehr Diktatoren das geschriebene Wort fürchten.

Karl Ove Knausgaard

Auch Karl Ove Knausgaard beschrieb jene Brücken, die Fiktion über die Zeiten hinaus zu bauen in der Lage ist und sang ein Hohes Lied auf die Langsamkeit der Literatur. Die schönen Künste und die Wissenschaft läsen auf unterschiedliche Art und Weise die Welt und seien dabei eng miteinander verwoben. Knausgaard verschwieg auch die Schattenseiten technischer Erfindungen nicht. Forschung sei einerseits als Übertretung zu lesen, versuche sie der Natur ihre innersten Geheimnisse zu entreißen, anderseits trüge gerade sie das Rettende in sich.

Im Anschluss an die Eröffnung durfte die Gastlandhalle bestaunt werden. Richtig warm wurde ich dieses Jahr nicht mit ihr. So wenig war vom Norden zu spüren, zwar regnete es auf der überdachten Terrasse beständig, aber die Halle flutete gleißendes Licht und von der Magie, die Georgien durch die Vielfalt sinnlicher Erlebnismöglichkeiten zu erzeugen gewusst hatte, war hier leider nur wenig zu spüren.

Die Literaturgala

Dieses Jahr fand die erste Literaturgala im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2019 statt. Literarische Größen wie Ken Follett, Margarete Atwood, Colson Whitehead, Maja Lunde und Elif Shafak waren geladen worden. Moderiert wurde von Bärbel Schäfer und Thomas Böhm, die deutschen Übersetzungen lasen Nina Petri und Bela B. Felsenheimer.

Das Konzept: Jede Autorin/ jeder Autor wird interviewt und danach hört das Publikum etwas aus deren aktuellem Werk. Es sollte gefeiert und zelebriert werden, das war zu spüren. Für meinen Geschmack ein wenig zu sehr auf Event und Publikumswirksamkeit getrimmt, sollten die Zuschauer den Atem anhalten, weil ein echter Ken Follett oder die grande dame der kanadischen Literatur Margarete Atwood herself die Bühne betraten. Dessen ungeachtet waren die Auftritte der Autorinnen und Autoren tatsächlich sehr reizvoll, denn natürlich interessierte die Leser*innenschaft wie Autor*in und Werk zusammenhängen, was die jeweilige Schriftsteller*in zu sagen hatte und ob ein Drittes entstünde, wenn Form und Sprache zu etwas Neuem zusammenfinden.

Ken Follett, ein glänzender Entertainer, betonte, dass er Geschichten schriebe, die überall auf der Welt verstanden würden. Hinter jeder guten Erzählung, sagte er, stünde ein universal verständliches Thema. Er schreibe zum Beispiel nicht über Kathedralen, das tue er zwar auch, aber darum gehe es nicht. Er erzähle aber  über die Liebe. In diesem Sinne sei Literatur immer auch international.

In diese Kerbe schlug auch Maja Lunde, die betonte, dass es Literatur erst möglich mache, dass wir uns mit jemandem oder etwas identifizieren und seine/ihre Sicht übernähmen.

Colson Whitehead

Whitehead ermöglichte mit seinem Buch „Die Nickel Boys“ den Leser*innen in die Rolle des sechszehnjährigen Elwoods zu schlüpfen, der in den 60er Jahren im schwarzen Ghetto aufwächst, Martin Luther King bewundert, einen Studienplatz ergattert und durch eine unglückliche verkettung von Umständen in einer Besserungsanstalt landet, wo er missbraucht wird. Whitehead wirft in seinem Roman die auch heute noch relevanteFrage auf: Wie überwindet eine Gesellschaft tief verwurzelten Rassismus?

Margarete Atwood

Die grande dame der Literatur Margarete Atwood erzählte, wie sie mit dem Gefühl aufwuchs, alles tun zu können. Besonders beeindruckend war Atwoods Präsenz. In klaren Worten, manchmal lediglich mit einem einfachen „ja“, oder einem klar Stellung beziehenden „Nein“, beantwortete sie geduldig alle Fragen. Trotz ihres reifen Alter wirkt Atwood kein bisschen müde und ist schlagfertig wie nur wenig Andere.

Elif Shafak

Wer mich an diesem Abend aber besonders in Bann zog, war Elif Shafak, die sich in ihrem Heimatland vor Gericht verantworten musste, weil sie ein Buch über Kindesmissbrauch schrieb und ihr vorgeworfen wurde, allein aufgrund dieser Tatsache werbe sie für Missbrauch. Zwar wurde sie freigesprochen, aber seitdem lebt sie in London. Es ist Shafak ein Anliegen die Geschichten Jener zu erzählen, die am Rand der Gesellschaft leben und diesen Menschen eine Stimme zu geben. Ob LGBT-Opfern, Suizidenten, an Aids Verstorbenen oder Flüchtlingen. Shafak erzählt im Interview von einem Friedhof, auf dem Menschen mit solchen und ähnlichen Schicksalen namenlos – und bloß mit einer Nummer versehen – bestattet werden.

In Shafaks Werk steht eine bildreiche Sprache neben so wichtigen Themen wie Meinungsfreiheit und Menschlichkeit.

Für die Schriftstellerin schließen sich Humor und Leid nicht aus, im Gegenteil sie erzählen gleichermaßen von der Welt. Wir brauchen als Menschen und damit auch als Schriftsteller*innen beides, „den Optimismus des Herzens wie den Pessimismus des Verstandes“, sagt sie.

Nina Petri las aus Shafaks  Werk „Unerhörte Stimmen“. Ich kenne bisher nur diese Passagen. Die aber berührten mich umso mehr. Weder belehrten noch beurteilten sie, schufen aber in wenigen Sätzen ein Universum, das existenzielle Fragen aufwirft und zulässt. Das alles in einer bisher nie vernommenen Stimme.

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