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Am Nordpol

#weiterschreiben100

Autorin: Henrike Spohr

Heilbronn, 01.01.2021

Kategorie: Fiktion

Der Wald liegt als rostiges Sägeblatt unter einem aufdringlich blauen Himmel. Keine Flugzeuge, sage ich zu meinem Mann und der Satz fällt für eine kleine Ewigkeit, wie ein Stein in einen Schacht, bis er unten aufschlägt.

Wirklich.

Kein einziger Kondensstreifen am Himmel.

Ich checke vorsichtshalber auf der Flightradar App. Und ja. Wo sonst unzählige gelbe Miniflugzeuge die Europakarte bedecken: Nichts.

Das muss irgendwann im Frühjahr gewesen sein.

Das ist der Moment, in dem das Ganze real wird.

Ich bin in meinem Leben zwei Mal geflogen, von Stuttgart nach Istanbul und natürlich zurück. Ich mochte die Beschleunigung, das Holpern der Luftlöcher und das Absolute daran. Du fliegst und lebst, du stürzt ab und bist tot. Dazwischen werden Snacks serviert und du schaust runter auf die Alpen. Draußen minus sechzig Grad und Seitenwinde in Orkanstärke.

Die Atmosphäre ein Ozean und das Flugzeug ein stoischer Walfisch in seinem Element. Irgendwann liegt Istanbul unter dir im dichten Nebel, der von unzähligen Lichtern illuminiert wird, dann vor dem winzigen Fenster weiße Schwaden und du landest auf der asiatischen Seite. Eine ewige Fahrt, natürlich ohne Gurt, denn wer braucht Gurte, wenn der Cousin der beste Fahrer der Welt ist und, schwöre, noch nie einen Unfall gebaut hat. Na denn. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir mit Auto wahrscheinlich noch nicht mal annähernd am Brenner wären, sitzt du bei einem Tee um ein silbernes, riesiges Tablett mit Kaynana und Schwägerinnen und Nichten und Neffen  und zwei müden Kindern auf dem dicken Teppich und und übst dich in halbverbaler Kommunikation.  Du verschwindest zwischen hupenden Autos, 21 Millionen anderen Menschen, Lichtern, Gerüchen, Geräuschen und zehntausend Wangenküsschen, stürzt nicht in einen metertiefen Abwasserkanal, schlitterst steile Straßen im Schneematsch herunter, wirst zweimal nicht überfahren und besuchst die Shishabar des Schwagers. Mit dem uralten Schiff rüber nach Europa und zurück, die Kinder verstehen sich auch ohne Worte und bewerfen gemeinsam den schlafenden Dede mit Kuscheltieren und sitzen später alle auf dem Sofa und schauen sich die Seesamstraße an. Alle haben matschige Schuhe, weil es ums Haus rum keine wirklichen Gehwege, sondern lehmige Hänge gibt, auf denen ab und an kleine Müllberge brennen.

Vier Wochen, vier Tonnen Baklava und 400 Liter Tee später kannst du dich schon übers Wetter, cok soguk, güzel kar firtinasi, ja, sehr kalt und ein wunderbarer Schneesturm, unterhalten.

Dann tausend Umarmungen, Kaynana stopft uns die Koffer mit Lebensmitteln voll und weint beim Abschied und einmal die Augen zu und du bist zurück in Stuttgart, und fühlst dich wie im Legoland, wo alles seine Ordnung hat und es kilometerlange Gehwege gibt.

Ich muss gestehen, dass ich Flugzeuge liebe.

Und ich liebe diese App. Als mein Freund nach Brasilien und das erste mal in seinem Leben überhaupt, fliegt, hänge ich die ganze Zeit am Handy und berichte meiner allmählich genervten Familie, wo er sich grad befindet, wie hoch und wie schnell das Flugzeug grad fliegt und dann verlässt er Europa und unter ihm nichts als Wasser. Als ich nachts aufwache, sehe ich ihn als winziges Kreuzchen irgendwo über dem Atlantik blinken und morgens öffne ich die App als allererstes und er landet Grad in Sao Paolo und ich weiß, wie aufgeregt er ist, weil er seine Liebe, die er in einem Künstlerforum kennen gelernt hat, das erste mal sieht. Ich verrate jetzt schon, dass alles gut geht und er auf dem Balkon einen Kakadu sieht, es in Sao Paolo an jeder Bushaltestelle free wifi gibt und die Luft voller Helikopter ist.

 

Die Welt dreht sich rasend schnell um sich selbst, umkreist unermüdlich die Sonne, alles ist in Bewegung, Menschen treffen Menschen, treffen Menschen, lieben sich, hassen sich, küssen sich, umarmen sich, stehen dicht gedrängt, bewegen sich aneinander vorbei und nichts steht still.

Während die Pandemie an Fahrt aufnimmt, abhebt Beschleunigung und Geschwindigkeit für sich in Anspruch nimmt, verlangsamt alles andere um mich herum, kein einziger Kondensstreifen am Himmel und dann kommt der Lockdown.

STOP. Ein Ruck.

Alle aussteigen bitte!

Etwas ratlos stehe ich neben dem Rollfeld, schaue mich um, versuche mich zu orientieren. Als erstes natürlich Hände waschen. Das Händewaschen wird zum Fest für jeden einzelnen Finger, schön einschäumen, es duftet ständig nach Seife. Wenn ich mir die Maske aufsetze, bevor ich einen Laden betrete, komme ich mir bald nicht mehr vor, wie eine Bankräuberin. Schade eigentlich. Und ich entwickle eine Aversion gegen Nasen, die aber noch nie mein Lieblingskörperteil waren, also egal. Immer noch stehe ich auf dem Rollfeld, ein Flug wird angekündigt und gecancelt, es wird Winter und die zweite Welle schwappt über uns zusammen. Am liebsten würde ich einen Winterschlaf machen, bis alles vorbei ist. Wie ein Bär. Schon immer eine meiner Lieblingsfantasien. Was essen die Bären, wenn sie Winterschlaf machen, fragt mein Mann vor vielen Jahren seine Oma. Sie lecken sich die Pfoten ab, das reicht ihnen. Mir reicht das nicht und es ist auch keine gute Idee, sich während einer Pandemie ständig die Pfoten abzulecken.

Also kein Winterschlaf für mich.

Als ich mein Handgepäck öffne, stelle ich erleichtert fest, dass ich das Nötigste eingepackt habe.

Mein Rucksack ist voll mit Schokolade, einer warmen Decke, Erinnerungen und Geschichten und zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass sogar eine Bahn Ballonseide darin ist. Es ist ein Stück der Seide des Ballons, mit dem eine der ersten Fahrten zum Nordpol stattfand und aus deren Resten meine Omi einen Mantel besaß und jetzt schenkt sie mir die Seide, weil sie weiß, dass ich sie brauchen kann. Ob die Ballonseide Teil einer Erinnerung oder einer Geschichte ist, kann man nicht sagen, aber es spielt auch keine Rolle.

Weil ich in meiner Fantasie Superkräfte besitze, nähe ich mir rasch selbst einen Ballon, steige ein und hebe ab.

Je höher ich komme, desto kälter wird es, aber das macht nichts. Ich hülle mich in die warme Decke und als ich getragen vom Jetstream den Polarkreis überquere, öffne ich feierlich die Schokolade, lasse die Alufolie in winzigen Schnipseln auf Finnland rieseln, die Schnipsel verwandeln sich in Träume und bringen ein paar finnische Kinder im Schlaf zum Lächeln.

Eine alte Frau sitzt einsam vor ihrem Mökki und trinkt einen Schluck Kaffee, weil sie sowieso nicht schlafen kann. Ihr Atem gefriert zu einer kleinen Zuckerwattewolke und sie schaut hinaus auf den See, der von einer milchigen Eisschicht bedeckt ist. Sie rührt in ihrem Kaffee und auf einmal spürt sie, dass sie glücklich ist.

Sie sitzt noch lange dort, denkt nichts, ist einfach nur da, lauscht in die Nacht und als ich über dem Nordpol ankomme, der Ballon zu sinken beginnt, lässt sie die Tasse draußen stehen und geht schlafen.

Ich lande sanft neben einem Iglu und als ich hineingehe, sehe ich, dass dort schon jemand sitzt und auf mich wartet.

Captain Francis, er sieht tatsächlich genauso aus, wie der Captain Francis aus meiner Lieblingsserie, „The Terror“.

Ich kann mein Glück kaum fassen, mir liegen tausend Fragen auf den Lippen. Aber halt! Du redest wie ein Wasserfall, sagt Großvater streng. Und artig zäume ich meine Zunge.

Zuerst bietet mir Captain Francis einen heißen Tee an und ich gebe ihm selbstverständlich ein Stück Schokolade. Denn auch hier, am Nordpol, muss zumindest etwas Etikette gewahrt bleiben.

Er weiß, warum ich gekommen bin.

Aber er bittet mich, dass ich zuerst meine Geschichten erzähle.

Da er schon so lange hier oben im Eis festsitzt und gerne etwas Abwechslung hätte, nehme ich ihn mit an warme Strände, spiele mit ihm Verstecken in den weiten Maisfeldern meiner Kindheit und natürlich fragt er nach den seltsamen, metallenen Dingern, die sogar hier sonst lautlos den Himmel zerschneiden. Ich erkläre ihm, was ein Flugzeug ist und bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich diesem Held meiner Kindheit etwas über Auftrieb, Triebwerke, Tragflächen beibringen kann. Er fragt mich auch, warum die Flugzeuge plötzlich verschwunden sind. Aber ich habe es momentan vergessen, oder tue zumindest so und zum Glück kennt er mich nicht gut genug, um zu sehen, dass ich nur so tue. Ich will jetzt nicht daran denken, deshalb bin ich ja hier. Lieber liegen wir noch eine Weile unter einem Kirschbaum im Sommer und es ist unglaublich, wie weit Captain Francis Kirschkerne spucken kann. Das hatte er ganz vergessen. Trotzdem lässt er mich im Weitspucken gewinnen, weil er merkt, dass ich mal wieder ein Erfolgserlebnis brauche.

 

Aber irgendwann wir es ihm zu warm in seinen Kleidern aus Eisbärenfell und wir laufen gemeinsam schweigend eine Weile ums Iglu, bis ein Sturm aufzieht.

Jetzt ist er dran, mit dem Erzählen und schon spüre ich die Schiffsplanken unter meinen Füßen, schmecke Salz auf den Lippen, rieche den Geruch von Segeltuch, Schweiß und Tabak und wie im Zeitraffer friert die Terror fest und Captain Francis beantwortet mir jede Frage. Wenn ich eine Pause brauche, weil es zu dramatisch wird, gießt er mir noch eine Tasse Tee ein, wirft drei Zuckerwürfel hinein und nach ein paar Schlucken geht es weiter und ich muss helfen ein Boot übers Eis zu ziehen, aber ich will nicht meckern, denn wenn man schon mal dabei ist, sollte man auch behilflich sein.

Während draußen der Schneesturm tobt, in scharfkantigen, winzigen Splittern die Zeit in Stücke reist, die Kompassnadel sich wild im Kreis dreht und es keine Richtung mehr gibt, brennt im Iglu langsam das Feuer runter bis nur noch die Glut einen rötlichen Schimmer auf unsere Gesichter wirft.

Als Captain Francis zu Ende erzählt hat und ich anmerke, dass es mir leid tut, dass seine Geschichte so ein trauriges Ende hat, lächelt er nur verschmitzt, steckt sich das zweitletzte Stück Schokolade in den Mund, gibt mir das letzte, weil er ein Gentleman ist und deckt mich mit meiner warmen Decke zu.

Ich will ihn fragen, warum er lächelt, bin aber viel zu müde und da es keine Zeit mehr gibt, kann jede Frage warten.

 

Kurz bevor ich einschlafe, fällt mir plötzlich ein, warum Captain Francis lächelt.

Draußen wartet ja noch der Ballon.

Und wo eine Person rein passt, passen auch viele rein.

Logisch.

Morgen werde ich Captain Francis und die restlichen Expeditionstelenehmer mitnehmen nach Sao Paolo und dort holen wir die Freundin meines Freundes ab. Denn die beiden haben Sehnsucht nacheinander.

Grad fliegen zwar wieder ein paar Flugzeuge, aber man kann nie wissen und eine Ballonfahrt ist auch was Schönes, oder?

 

 

Kurzvita

Henrike Spohr, geboren 1975 in Heilbronn.

Abitur, danach Studium der Informatik, Mann und zwei Kinder, seit fünf Jahren selbstständig mit einer kleinen Baufirma, zu viele Geschichten im Kopf, die alle erzählt werden wollen.

Veröffentlichungen:

2014 Heilbronn 37 Grad, Emons Verlag

2015 AufBruchStellen: Die besten Texte aus drei Jahren Zehntausend-Wettbewerb im DSFo, Universitätsverlag Brockmeyer

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