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#weiterschreiben100- Fiktion

Berlin, den 20.04.2020

Autorin: Tanja Ries

Maskentag I oder: The day we met

(Ein Erzählung aus der Zukunft. Mit erklärenden Fußnoten)

 

Ab und an, meist kurz vorm Maskentag* fragen die Kinder** „Wie habt ihr euch kennen gelernt? Erzählt nochmal. Bitte.“ Auch, wenn sie die Geschichte, nach all den Jahren, schon tausendmal gehört haben.

Und wir, wir holen dann die goldene Kiste mit den Masken raus, breiten sie, in Vorfreude auf den höchsten aller Feiertage, auf dem Tisch aus und erzählen.

*Der Maskentag ist der erste Feiertag der weltumspannend und religionsübergreifend überall auf der Erde gemeinsam gefeiert wird. Er erinnert uns immer wieder daran, dass wir alle miteinander verbunden sind. Dass eh alles miteinander verbunden ist. Diese Einsicht, die sich damals, in den Zeiten von Corona, so schmerzlich gezeigt hat war der Anfang für eine weltweites Umdenken, gerade auch auf ökologischer und wirtschaftlicher Ebenen. Deshalb sitzen wir jetzt hier bei strahlendem Sonnenschein, genießen die gute Luft und müssen uns, dank des weltweiten Grundeinkommens um nichts mehr sorgen. Nur bewahren. Aber das ist eine andere Geschichte.

**Als „Kinder“ bezeichnen wir heute alle jungen Menschen die so im Laufe unsere Lebens Zeit mit uns verbracht haben oder irgendwie bei uns hängen geblieben sind. So halten wir es auch mit dem Begriff „Familie“. Begriffe wie z.B. Patchworkfamilie, Stiefkind, Ehepartner*in oder auch Wahlfamilie werden heute nicht mehr benötigt. Letztlich haben diese Begriffe, die sowohl Zugehörigkeit als auch so etwas wie einen „verwandtschaftlichen Grad“ aufgezeigt haben sich auch durch unser neues Sozialsystem überholt.

Unsere Lebensläufe sind geprägt von Einschnitten und großen Ereignissen in unseren Leben. Das können so persönliche Erlebnisse wie ein Umzug in eine andere Stadt oder die Ankunft oder der Verlust geliebter Menschen sein. Oder gesamtgesellschaftliche Ereignisse. Ganz früher waren das z.B. Kriege. Dann so Ereignisse wie Tschernobyl, der Fall der Mauer, 9/11, Tage, von denen jede Person noch heute genau weiß wo sie gerade war. Oder eben „Die Zeiten von Corona“.***

*** Die Zeiten von Corona können zwar heute genau datiert werden, aber in den Zeiten von Corona war dem nicht so. Das ist zum einen bedingt durch den unterschiedlichen Verlauf dieser Zeit auf der ganzen Welt, zum anderen dadurch, dass den meisten Menschen innerhalb dieser Zeiten jegliches Zeitgefühl verloren gegangen war. Die Gründe dafür mögen sehr unterschiedliche gewesen sein. Es war eine Zeit außerhalb der Zeit die dann doch, den Lauf der Geschichte betrachtend, die einschneidendste des 21. Jahrhunderts war.

Zum ersten Mal gesehen haben wir uns im Supermarkt. Am Obststand. Bei den Bananen. Ich habe die Zeit damals in banana breads gezählt. Es war vor meinem vierten und es gab nur noch sechs Bananen. Drei frische. Und drei, die schon ziemlich oll ausgesehen haben. Ich kann mich noch so gut an deine lachenden Augen erinnern. Und du hast die Maske mit dem in bunten Farben aufgestickten Peace-Zeichen getragen.

„Ich bin ja heute noch der Meinung es war die, mit dem aufgedruckten Zorro.“ Lach. „Aber du hattest auf jeden Fall die mit der grasgrünen Kettensägen-Frau an. Und du hast traurig ausgesehen. Also zumindest hatte ich den Eindruck und daher wollte ich dir den Vortritt geben, also, die letzten drei frischen Bananen.“

Ich hatte eigentlich nur Sorge, dass du die letzten drei ollen Bananen willst. Aber ja, kurz vor dem vierten banana bread hatte ich ein ziemliches Tief. Dieses „Nicht-wissen“ wie lange das alles noch so weitergehen sollte. Dieses Aushebeln von so vielem was mir lieb und teuer war. Irgendwie hatten wir alle die gleichen Phasen. Mal zeitversetzt. Mal gemeinsam. Wir saßen alle im gleichen Boot und doch wurde selten so deutlich wie unterschiedlich diese unsere Boote damals beschaffen waren.

Die Kinder greifen derweil einzelne Masken raus. Streichen vorsichtig mit der Hand über den Stoff. Kostbarkeiten. Erinnerungen an alte Zeiten.

Es gab damals lange Diskussionen: Maskenpflicht. Pro und Contra. Auf jeden Fall schien es als habe sich die gesamte Kreativität auf diesem Planeten in der Gestaltung dieser Masken konzentriert. Und natürlich in der Kunst. Noch heute wird in der Kunstgeschichte klar zwischen Vor- und Nach-Corona-Zeit unterschieden. Oder besser: Es gab eine prägende Phase in der Corona-Zeit und eine vollkommen neue Kulturpraktik in der Nach-Corona-Zeit. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Im Laufe der Corona-Zeit hat wirklich jede*r eine  mehr oder weniger große Sammlung an Masken erworben oder selbst gemacht. Deine waren immer schwarz. In unterschiedlichen Tönen und Stoffen changierend. Und meist mit einem Aufdruck oder einer Stickerei versehen. Wie die mit dem goldenen Anker die du zu unserem ersten Spaziergang getragen hast.

Auf jeden Fall hab ich so die letzten drei ollen Bananen bekommen und bin fröhlich und beschwingt nach Hause gegangen. Der Einkauf im Supermarkt war ja eh immer ein Highlight des Tages. Strukturbildend sozusagen.

„Das zweite Mal war beim Weinregal. Ich weiß nicht wie viele banana breads später das für dich war. Es war auf jeden Fall schon wärmer geworden. Du hast ein Blumenkleid getragen und eine Blumenmaske. Berge von Blumen im Arm. Der Gang war so eng, dass sich aus versehen unsere Rücken gestreift haben. Wir haben Entschuldigungen gestammelt. Und gelacht.  Aber an das Gefühl, diese leichte, fast unmerkliche und doch so unvergessliche Berührung kann ich mich heute noch erinnern.“

Da war ich zum ersten Mal froh ein Maske zu tragen. Damit keiner sehen konnte, dass ich voll rot geworden bin. Auch als du mich dann, draußen vor dem Supermarkt auf mich wartend, und du hast so getan als würdest du deinen Einkauf umständlich auf dein Rad packen, gefragt hast ob wir mal zusammen spazieren gehen wollen. Das war am 5. Mai. Das weiß ich noch so genau weil ich da meinen ersten Frisörtermin hatte. Die Frisöre, das waren nämlich mit die ersten die wieder öffnen durften. Für die Moral und gegen das Verlottern.

Vom ersten Spaziergang erzählen wir euch dann beim banana bread backen.

Das gibt es bei uns immer am Maskentag. Und selbstgemachte Holunderlimo und gekühlten Rosé.

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