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‚weiterschreiben100 – Fiktion

Berlin, 22. April 2020

Autorin: Christa Ahlamed

Irgendwo am Rande Berlins

Sie hastet die Treppe hinunter. Schon wieder spät dran. Die Kinder waren nicht wach zu kriegen. Pubertäre Zwillinge am Morgen, das ist nicht leicht. Sie musste die Wunderwaffe ihrer Oma, das klitschnasse Handtuch, einsetzen. Es hat Wirkung gezeigt. Anna lächelt obwohl sie sauer war. Sie fingert den Autoschlüssel aus der Jackentasche, die Rückleuchten des Kleinwagens mit dem Logo des Pflegedienstes blinken.

„Mist, so ein Shit!“ Anna blickt sich um, hat das jemand gehört? Zum Glück nicht. Sie pustet sich den Pony aus dem Gesicht. Nun muss sie doch noch ins Büro, denn sie hat keine Handschuhe mehr. Das bringt ihren Plan durcheinander. Schnell ins Auto, gezielter Griff ins Türfach, mit gespreizten Fingern bändigt sie ihre rote Haarflut mit dem Gummi. Schon hält sie den Mascara in der Hand, windet sich, um einen Blick in den Spiegel zu erhaschen. Fertig, sie ist so weit, klimpert noch ein paar mal mit den Lidern, ihre grauen Augen strahlen. Beim Ausparken, nimmt sie einem Kleintransporter die Vorfahrt. Sein lautes Hupen lässt ihren Mittelfinger vorschnellen, doch die Hand bleibt unten.

Im Büro stehen die Kollegen noch zusammen und tauschen Neuigkeiten aus. Fallzahlen und Statistiken werden diskutiert, jeder hat etwas anderes gehört. Die Lage in verschiedenen Pflegeheimen schockt alle. Annas Magen verkrampft sich, sie würde so gern ihre Oma besuchen. Außerdem hätte sie etwas essen müssen, nicht den doppelten Espresso auf nüchternen Magen trinken. Verstohlen reibt sie sich den Bauch. Die neuesten Fotos der lieben Kleinen werden auf den Smartphones betrachtet. Anna fühlt sich alt mit ihren dreiunddreißig Jahren, vor allem mit Max und Lena, die in zwei Monaten fünfzehn werden. Ob die Beiden einfach weiterschlafen oder doch lernen? Eine kurze Kontrollvisite schafft sie nicht mehr.

„Habt ihr immer noch keine Masken besorgt?“ Michael übertönt alle. Er nimmt sich zwei Fläschchen zur Handdesinfektion.

„Hey, die sind für uns alle!“

„Jeder kriegt nur eine!“

„Merk dir, dass ist wie mit Nudeln und Klopapier im Supermarkt!“ Alle motzen gleichzeitig rum und verschwinden dann nacheinander.

„Ich müsste dringend zum Friseur.“ Anna pustet in den Pony, der schon bis in die Augen hängt. „Stehen die Handschuhe jetzt woanders? Ich habe keine mehr.“ Ihr Blick irrt suchend umher.

„Ich werde noch wahnsinnig, jeder braucht irgendwas das ich nicht habe.“ Die Chefin greift sich an die Schläfen. „Dort hinten im Schrank sind noch welche. Ich muss aufpassen, damit jeder was bekommt.“ Das klingt entschuldigend. „Wenn das so weitergeht, weiß ich nicht wie lange wir noch arbeiten können.“ Die Verzweiflung in der Stimme und im Gesicht springt auf Anna über.

„Wir können die Leute doch nicht im Stich lassen! Was sollen sie ohne uns machen?“ Und was sollen wir ohne Arbeit, ohne Lohn machen, setzt sie ihren Satz in Gedanken fort. Sie wendet sich zur Tür. „Ich muss los! Bis später!“ Während der kurzen Fahrt geistern Horrorszenarien durch ihren Kopf. Arbeitslos, wohnungslos sieht sie sich mit ihren Kindern auf der Straße. Sie schüttelt sich, probiert angestrengt ein Lächeln für ihre Patienten.

„Na Kindchen, wer war es denn heute, der nicht aufstehen wollte?“ Herr Jakob blickt sie spöttisch an, er sitzt schon wartend im Bett.

Anna weiß, dass er ein Frühaufsteher ist, deshalb ist er jeden Morgen ihr erster Patient.

„Sie wollen ja bloß wieder, dass ich ihnen was erzähle und etwas länger bleibe. Heute geht das nicht.“ Langsam schiebt sie sich mit ihm ins Bad, setzt ihn vor das Waschbecken, er legt Wert auf ein bisschen Intimsphäre. Anna bereitet ihm in der kleinen Küche sein Frühstück, stellt die Tabletten zusammen und trägt alles samt Tageszeitung zum kleinen Tisch am Fenster, seinem „Ausguck ins Leben“, wie er diesen Platz nennt. Noch kurz das Bett aufgeschüttelt und sie ist wieder bei ihm im Bad. „Weißt du noch, wie du das erste Mal zu mir kamst? Ich dachte, die ist so zart und blass und guckt so ängstlich, die hat sich den falschen Beruf ausgesucht. Aber Kindchen, alle Achtung, du kannst zupacken.“

„Meinen sie das jetzt wörtlich?“, Anna hält ihn am Oberarm. „Ich weiß noch, sie haben mir gar nichts zugetraut und nur die ganze Zeit gemeckert. Ich wollte nie wiederkommen. Und jetzt, sie sind der Einzige, der mich Kindchen nennen darf.“ Sie lächelt ihn an. Da ist Vertrauen gewachsen in der langen Zeit. Manchmal hat sie dieses Gefühl, mit ihm über alles reden zu können. Er ist der Opa, der Vater, die sie nie kennengelernt hatte. Auch ihre Kinder wachsen ohne Vater auf, schießt es durch ihre Gedanken. Ist das ein ewiger Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt? Beziehungsunfähigkeit, in den Genen gespeichert und von Generation zu Generation vererbt? So ein Quatsch, es lag doch nicht an ihr, dass sich Dennis mit den Zwillingen überfordert fühlte und das Weite gesucht hat, bevor sie ein halbes Jahr waren. Bis nach Australien ist er vor ihnen geflohen. Wenigstens meldet er sich jetzt manchmal bei den Beiden und schickt auch Geld, seit er welches hat. Er hat ihnen den Floh ins Ohr gesetzt ihre Sommerferien bei ihm zu verbringen, aber kein Wort über die anstehenden Prüfungen verloren und was davon abhängt. Anna stöhnt laut. Alles bleibt an ihr hängen. Aber wenigstens fliegen jetzt keine Flugzeuge …

„Nun erzähl schon Kindchen, was bedrückt dich?“

„Es sind diese Prüfungen. Keiner weiß wann sie stattfinden und durch die Schließung der Schulen hängen die Kinder irgendwie in der Luft, haben keine Lust, keinen eigenen Antrieb und ich habe keine Kraft mehr immer nur zu schieben. Die ganze Zeit denke ich nur daran, ob sie wohl lernen, oder wieder pennen, oder am PC spielen. Ich will doch nur, dass sie es mal besser haben als ich, dass sie eine Wahl haben.“ Erschrocken über ihren Monolog hält sie inne. „Verstehen sie mich nicht falsch, ich mache meine Arbeit sehr gern. Nur …“ Sie kämmt ihm die Haare und führt ihn ins Zimmer. „Mensch, ich trau mich kaum das Alter meiner Zwillinge zu nennen, weil mich alle angucken als wäre ich asozial. Ich habe das Abi geschmissen und mich um die Kinder gekümmert. Mama war schon drei Jahre tot und Oma hat mir geholfen wo sie konnte.“ Annas Blick schweift in die Ferne bis hin zur dementen Großmutter.

„Du hast ganz viel geleistet. Du hast alles richtig gemacht und deine Kinder sind auch kleine Kämpfer, mach dir nicht zu große Sorgen.“ Die Greisenhand mit den dicken Adern und Altersflecken streichelt über ihren Handschuh. Am liebsten würde sie ihn ausziehen, so sehr sehnt sie sich nach menschlicher Berührung  und Trost. Tapfer schluckt sie die aufkommenden Gefühle hinunter und gibt sich betont burschikos: „Dann bis heute Abend und nicht über die Stränge schlagen, ich sehe alles.“ Dabei führt sie zwei Finger an ihre Augen und zeigt dann auf ihn.

Ein Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie wieder zehn Minuten zu lange bei Herrn Jakob war. Egal, er tut ihr gut.

Jetzt zu Frau Kampe, Anna schluckt bevor sie die Wohnung betritt. Auf ihren Gruß erhält sie keine Antwort. Sie zieht die Vorhänge auf, öffnet das Fenster.

„Fenster zu, wollen sie, dass ich mir den Tod hole? Was wollen sie so früh schon hier?“ Frau Kampe sitzt am Bettrand und lässt die Füße baumeln. „Nun machen sie schon. Ich habe nicht alle Zeit der Welt.“ Drängelt sie auf einmal und schlägt mit der flachen Hand auf das Bett. Anna beeilt sich ihr die Kompressionsstrümpfe anzuziehen und weiß schon vorher, dass sie es nicht richtig machen wird.

„Sie Trampel, sie tun mir weh!“ Die Hand der dicken Frau gräbt sich in Annas Schulter. Es schmerzt, doch sie verzieht keine Miene. Stumm und schnell verrichtet sie ihre Arbeit und atmet auf, als sie wieder draußen ist. Ein Blick auf die Uhr zeigt ihr, dass sie die zehn Minuten wieder aufgeholt hat. So eine Zicke hat also auch Vorteile freut sich Anna. Ob sie doch zu Hause mal nach dem Rechten sieht? Nein lieber nicht, Herr Jakob hat schon recht. Zu viel Strenge und Kontrolle schlägt manchmal ins Gegenteil um.

„Ich habe eine Überraschung für sie!“, ruft Frau Sommer schon, als Anna gerade mal den Flur betreten hat. Sie scheint gewartet zu haben. „Schauen sie mal dort auf dem Sekretär!“ Anna sieht einen bunten Stoffstapel und weiß damit nichts anzufangen. Sie fühlt sich von Frau Sommer gemustert, als sie zum Sekretär geht.

„Ist das für mich?“ Anna beginnt zu strahlen.

„Ja! Meine Tochter und meine Enkelinnen haben die genäht!“ Stolz und Freude über die gelungene Überraschung schwingen in Frau Sommers Stimme. „Sie waren doch so traurig, dass sie in dieser Zeit keine Gesichtsmasken haben. Ich konnte das gar nicht mitansehen und habe es der Tochter erzählt. Ich hatte so viele Baumwollbettlaken von früher und sie hatte gleich eine Idee.“

Anna legt sich den Mundschutz an, und umarmt Frau Sommer. „Das ist so eine schöne Überraschung. Danke! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

„Ihre Freude ist mir Dank genug und ich werde ihn auch an die Näherinnen weiterleiten.“

Ganz beschwingt verrichtet Anna ihre Arbeit, setzt die alte Dame in den Rollstuhl und drückt sie noch einmal bevor sie die Masken in ihrer Tasche verstaut. Mit dem Stück bunter Blumenwiese vor dem Mund geht sie zum Auto und fährt in den Frühlingstag.

 

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