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Schreibhain prouldy present: Julia Veits, unsere Stipendiatin im Jahrgang XII

JULIA VEITS

EIN GARTEN AUF DEM MEERESGRUND

Als ich ins Freie trat, schüttete es wie aus Kübeln. Das Wasser floss über
den Gehweg, und der Pearl Tower verschwand hinter einer
Regenwand. Ich schlug meine Kapuze hoch und rannte, so schnell ich
konnte, zum Aquarium. Obwohl der Weg kurz war, war ich
klatschnass, als ich ankam. Izumi stand schon da, unter dem Vordach.
Sie trug ihre weiße Jacke, die mit den Katzenohren an der Kapuze. Sie
hatte anscheinend keinen einzigen Tropfen abbekommen und schien
hinter ihrer Maske zu lächeln.

Im Aquarium sah es aus wie immer. Die Räume waren dunkel, die
Aquarienbecken beleuchtet. Alles war so wie sonst auch. Der einzige
Unterschied war, dass es vollkommen still war. Vom leisen Summen
der Klimaanlage abgesehen, war kein Laut zu hören.
Mein Onkel arbeitete im Aquarium. Er hatte mir erlaubt, mit Izumi
herzukommen. Natürlich war das nicht erlaubt. Warum er es trotzdem
tat, weiß ich nicht. Vielleicht wollte er mir eine Freude machen.
„Ein Mädchen aus deiner Klasse?“, hatte er gefragt. „Okay, aber nur ihr
zwei! Nur du und deine Freundin.“
„Sie ist nicht meine Freundin“, sagte ich.
„Aha“, sagte mein Onkel.
„Ich kenne sie gar nicht so gut“, sagte ich.
„Aha“, sagte mein Onkel. Er sah mich an, dann zwinkerte er mir zu und
tauchte wieder hinter seinem Bildschirm ab.

Izumi und ich gingen langsam von Raum zu Raum und sahen uns alles
der Reihe nach an. Izumi trug einen kleinen Rucksack aus Silberfolie,
den ich noch nie gesehen hatte. Was Frauen wohl in so kleinen Taschen
mit sich herumtrugen? Während wir durch die Räume schlenderten,
betrachtete ich Izumi von der Seite, aber so, dass sie es nicht mitbekam.
Ich wollte sie etwas fragen, aber ich wusste nicht, wie. Was, wenn sie
nein sagte? Was, wenn sie mich danach nie mehr wiedersehen wollte?

Izumi blieb vor jedem Becken stehen und betrachtete alles aufmerksam.
Ab und zu legte sie einen Finger an die Scheibe und zeigte mir etwas:
ein Seepferdchen in der Farbe des Tangs, einen Fisch, der sich in den
Anemonen versteckte. Izumis Nägel sind immer ganz abgebissen. Ich
weiß nicht, warum, aber ich mochte das an ihr. Ich mochte Izumis
Hände, so klein und mit den abgekauten Fingernägeln.

Wir lernten immer zusammen. Ich weiß gar nicht, warum. Es hatte sich
einfach so ergeben. Eigentlich lernten die Mädchen mit den Mädchen,
und die Jungs mit den Jungs. Izumi war auch viel besser in der Schule
als ich. Sie war sogar eine der Besten. Wenn ich so darüber nachdachte,
wusste ich wirklich nicht, warum Izumi sich mit mir abgab. Ich sah
nicht besonders gut aus, war nicht so sportlich wie viele andere Jungs
und hatte auch nicht so tolle Storys auf Lager wie Bao und Wei, die
immer die irrsten Geschichten erzählten.

Izumi war vor einem großen Becken stehen geblieben, das auf den
ersten Blick leer schien. Es waren keine Steine darin, keine
Wasserpflanzen, nur sandiger Boden. Eine trostlose Landschaft, so karg
wie die Oberfläche des Mondes. Im Boden steckten, senkrecht, lange
Würmer in Löchern. Waren das Fische? Kleine Schlangen? Sie ragten
aus den Löchern wie Periskope, pendelten vor und zurück und nickten
mit den Köpfen. Sie glitten ein Stück heraus, und wieder hinein, heraus
und hinein, in einem fort. Aber immer nur ein Stück weit. Keiner kam
heraus, keiner verließ sein Loch.
Es gab zwei verschiedene Arten: Die einen waren weiß mit schwarzen Punkten. Die anderen waren gelb mit weißen Streifen. Beide Arten hatten zitronengelbe Augen mit großen Pupillen.
„Was ist das?“, flüsterte Izumi.
„Garden Eel“, las ich von dem Täfelchen ab. „Die einen gefleckt, die
anderen prächtig.“
„Garden?“ Izumi kicherte. „Das ist der seltsamste Garten, den ich je
gesehen habe!“

Wir betrachteten die Aale. Es sah sehr komisch aus, wie sie da in ihre
Löcher hinein- und herausfuhren. In gleichmäßigen Abständen in den
Boden gepflanzt, jeder in seinem eigenen Loch, jeder für sich. Ab und
zu schnappte einer nach einem vorbei schwebenden Teilchen. Sonst
passierte nichts. Im Hintergrund taperte eine durchsichtige Garnele,
wie ein einsamer Raumfahrer. Es war eine seltsame, stille Welt – auf
dem Meeresgrund, weit weg von allem.
Ich sah Izumi an. Sie strich sich das Haar zurück. An ihren Ohrläppchen
baumelten winzige Cupcakes. Sie starrte gebannt in das Becken, ihre
Augen funkelten über der Maske. Noch nie war ich ihr so nah gewesen.
Jetzt oder nie!, dachte ich. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Doch
dann verstrich der Moment. Izumi richtete sich auf, und wir gingen
weiter.

Zum Schluss betraten wir den Tunnel. Im Tunnel war es sonst
proppenvoll. Man wurde auf dem Band voran geschoben und hatte fast
keine Chance, sich etwas genauer anzusehen. Neben dem Band war
zwar ein schmaler Steg, aber auch da standen die Leute dicht gedrängt
und hielten ihre Tablets an die Scheiben. Heute war das Band abgestellt.
Wir konnten in aller Ruhe durch den Tunnel gehen, stehen bleiben und
gucken, wie es uns gefiel.
Während über uns die Rochen vorbei segelten, majestätisch, elegant,
überkam mich ein komisches Gefühl. Da war so viel Wasser über uns,
Tonnen von Wasser. Und dann die Tiere. Rochen und Haie.
Mantarochen, Stachelrochen, Riffhaie, Tigerhaie. Riesige, schwere Tiere.
Auf einmal spürte ich einen Druck auf der Brust, und kurz blieb mir die
Luft weg.

Ich weiß nicht, was mit mir los war. Ich war schon oft in dem
Tunnel gewesen, ich fand den Tunnel toll, noch nie hatte ich mich so
gefühlt.
Die Haie glitten langsam über uns hinweg, in aller Seelenruhe, das
Maul voller Zähne. Ich sagte: „Siehst du? Haie haben zwei Penisse.
Verrückt, oder? Aber eigentlich sind es gar keine richtigen Penisse, man
nennt sie auch Klasper, eigentlich sind es Bauchflossen, er klammert
sich damit fest …“

Izumi zupfte an ihrem Pony und sagte nichts. Ich
hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen. Schließlich stiegen wir die
Rolltreppe hinauf und verließen das Aquarium.

Es hatte aufgehört zu regnen. Die Sonne schien, aber der Asphalt war
noch nass. Wir gingen langsam zwischen Häuserblocks hindurch
Richtung Fluss.

Als wir auf die Hauptstraße traten, waren da auf einmal die Hirsche.
Sie querten vor uns die Straße und liefen schräg auf uns zu. Es war eine
ganze Herde, Hirschkühe mit rotbraunem, getüpfeltem Fell und
zierlichen Hufen, und ein paar Junghirsche. Als sie uns sahen, hoben
alle den Kopf und drehten die Ohren. Dann zogen sie ruhig weiter. Sie
schienen überhaupt keine Angst vor uns zu haben. Die uns am nächsten
waren, blieben stehen und betrachteten uns neugierig. Ich konnte alles
genau sehen, die feuchten dunklen Augen, den flaumigen Bast am
Geweih. Die hinteren rupften Gras aus dem Grünstreifen zwischen den
Fahrbahnen.

Izumi sah mich an. Ihre Augen strahlten. Wir sahen zu, wie die Hirsche
vorübergingen. Dann gingen wir weiter. Wir durchquerten den
langgezogenen Park am Flussufer und gingen zum Wasser. Die
Uferpromenade, sonst voller Menschen, Kinder, Sonnenschirme, war
wie leergefegt. Wir lehnten uns ans Geländer und sahen zum anderen
Ufer hinüber. Direkt gegenüber war der Bund, die beliebteste
Promenade der Stadt. Da standen die bekannten Gebäude, eins neben
dem anderen. Aber kein Mensch war zu sehen. Keine Frachtkähne,
keine Ausflugsboote. Eine leere Plastiktüte wehte über das Wasser.
Sonst regte sich nichts.

Alles war so vertraut, und doch so anders, dass
ich nichts wieder erkannte. Die Sonne stand am weißen Himmel, riesig
und grell. Ich kniff die Augen zusammen. Es war zu hell hier,
unerträglich. Der Strom war ein breites bleiches Band. Die Sonne stand
über dem Fluss und strahlte, als wollte sie alles auslöschen.

Plötzlich schwankte der Boden unter mir. Ich hatte das Gefühl, mich aufzulösen.
Alles war fremd, nichts hielt mich hier zurück. Mein Ich zerschmolz. Ich
würde verschwinden, und nichts bliebe übrig. Ich hielt mich am
Geländer fest und zwang mich zu atmen, ein, und aus.
„Früher war hier alles mit Wald bedeckt“, sagte Izumi. „Bis runter zur
Küste.“ Sie sah übers Wasser. Sie wirkte ganz ruhig.

Ich nahm ihre Hand.
Sie hielt sie, für eine lange Weile. Dann steckte sie sie, meine Hand in
ihrer, in die Tasche ihrer Kapuzenjacke. Es fühlte sich ganz natürlich an.
Wir setzten uns auf eine Bank und schauten aufs Wasser. Izumi nahm
ihren Rucksack ab und legte ihn auf ihren Schoß. Ich fühlte mich schon
viel besser. Ich dachte an die Hirsche. Daran, was Izumi gesagt hatte.
Was einst ihnen gehörte, hatten wir ihnen weggenommen. Jetzt kamen
sie und holten es sich wieder. Das erinnerte mich an einen verregneten
Nachmittag, den ich vor einiger Zeit im Park verbracht hatte, und ich
erzählte Izumi davon.

Damals durchquerte ich gerade den Park in meinem Viertel, als ich von
einem Schauer überrascht wurde. Ich flüchtete unter eine riesige
Kastanie, unter deren Krone es trocken war. Hier wollte ich warten, bis
es aufhörte zu regnen. Um mir die Zeit zu vertreiben, rief ich einen
Freund an. Wir sprachen lange miteinander. Währenddessen saß ich
unter der Kastanie, geschützt und trocken, wie in einer Taucherglocke.
Nach etwa einer Stunde hörte es auf zu regnen, und ich machte mich
auf den Heimweg. Außer mir war kein Mensch mehr im Park. Dafür
sah ich überall Enten. Es mussten Hunderte sein. Nie zuvor hatte ich so
viele Enten im Park gesehen, sie waren einfach überall: watschelten
über den Rasen, standen auf den Wegen … Wo kamen die alle her? Mir
war klar, dass die Enten sich normalerweise, wenn der Park voller
Menschen war, zurückzogen. Sie schwammen im See, oder hielten sich
auf der Insel auf, in der Mitte des Sees. Dort hatten sie ihre Ruhe: Der
Park gehörte den Menschen, die Insel gehörte den Enten. Aber konnten
wirklich so viele Enten zuvor auf der Insel gewesen sein?
Die Enten standen in Grüppchen zusammen, zu zweit, zu dritt, zu viert,
und schnatterten. Als ich vorbeiging, verstummten die Enten, drehten
die Köpfe und sahen mich an. Ich beeilte mich, aus dem Park zu
kommen.

„Das war richtig gruselig“, sagte ich.
Izumi nickte. „Wie in ‚Die Vögel‘!“
„Genau“, sagte ich. Und: „Weißt du, ich hab heute Geburtstag.“
„Ich weiß“, sagte Izumi.
„Das weißt du?“ Ich konnte es nicht glauben.
Izumi nickte. Sie öffnete ihren Rucksack, holte eine Schachtel heraus
und überreichte sie mir. „Die sind für dich.“

In der Schachtel waren Mochis, rund und weiß und mit Puderzucker bestäubt.
„Danke“, sagte ich. „Wow.“
„Meine Mum hat sie gemacht“, sagte sie.
„Wow“, sagte ich noch einmal. „Deine Mum macht Mochis selbst?
Danke.“
Dann saßen wir da, aßen die Mochis und schauten auf den Fluss

 

 

 

 

Julia Veits wurde 1977 in Stuttgart geboren und studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule Darmstadt. Nach ihrem Diplom arbeitete sie ein Jahrzehnt als Grafikdesignerin und Illustratorin. Ihre Arbeiten wurden in Deutschland, Niederlande, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien und Südafrika ausgestellt. Schließlich erlag sie ihrem heftigen Fernweh und wurde Flugbegleiterin bei Lufthansa.

Sie lebt in Darmstadt, wo sie neben dem Fliegen Kurzgeschichten und Geschichten für Kinder schreibt. Sie war Mitglied verschiedener Schreibgruppen, las für Kinder und Erwachsene und ist Vorlesepatin in der Stadtbibliothek Darmstadt. Zurzeit nimmt sie an der Darmstädter Textwerkstatt teil und arbeitet an ihrem ersten Kinderbuch.

AUSZEICHNUNGEN UND FÖRDERUNGEN
2020 Darmstädter Textwerkstatt, unter Leitung der Lyrikerin Martina Weber
2020 Annual Autori di Immagini, Ausgewählt
2019 iJungle Illustration Awards, Merit Award
2019 Picture this! Worldwide Children’s Book Illustration Competition, Gewinner
2019 Der Meefisch, Marktheidenfelder Preis für Bilderbuchillustration, Finalist
2013 Akademie für Kindermedien, Bereich Kinderbuch, Finalist

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