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Schreibhain- Stipendium geht an Viola Rosa Semper

 

Das Schreibhain-Team zeichnet „Die Frau auf der Küchenbank“ von Viola Rosa Semper mit dem Schreibhainstipendium im Jahrgang XIII aus. In der Jurybegründung heißt es:  Ein Text, der mit sprachlicher Klarheit besticht und eine Erzählstimme etabliert, die ein ganzes Leben zwischen Erinnerung und Gegenwart aufspannt. Semper stellt die Sehnsucht nach Nähe und Berührbarkeit als etwas zutiefst Menschliches ins Zentrum ihrer Erzählung. Gerade in Zeiten digitaler Ersatz-Gemeinschaften schafft Semper Resonanz für ein hochaktuelles und brisantes Thema. 

Die Frau auf der Küchenbank

Sie saß auf der Küchenbank mit Blick auf den verhängten Fernseher. Manchmal lief das Radio, manchmal nicht. Heute war es still. Ihre Augen fanden mich erst, als ich schon längst die Tür hinter mir wieder geschlossen hatte. Ihr Blick war leer, dann erkannte sie mich. Mit Mühe schaffte sie es ihr Gewicht von der Küchenbank auf ihren Stock zu hieven, um in die Höhe zu kommen. Sie blieb winzig. In ihrem Gesicht konnte ich wie immer keine Freude erkennen.

Als ich sie das erste Mal getroffen hatte, war ich 25 und schwanger gewesen. Ich sollte die ganze Familie meines zukünftigen Kindes kennenlernen. Damals hatte sie im Garten gekniet und Erdäpfel in eine feinsäuberliche Reihe gepflanzt, ein dunkelblaues Kopftuch um die Haare. Auch wenn sie und ihre Schwester schon lange keine Tiere mehr hielten, deren Ställe sie ausmisten mussten, trug sie bei der Arbeit nach wie vor ein Kopftuch, als müsste sie die Haare vom Güllegestank beschützen.

Sie hatte mich nicht angefasst. In dieser Familie waren Berührungen rar und ich nicht mehr als eine Fremde für sie.

„Bleib doch sitzen, bleib sitzen“, sagte ich hastig, nachdem ich sie fest an mich und ihr einen Kuss auf jede Wange gedrückt hatte.

Ich nahm mir einen Sessel und setzte mich zu ihr an den Küchentisch. Was hatte sie gemacht, bevor ich gekommen war?

Wir begannen unseren Smalltalk, wie es ihr ging, was sie zum Essen gehabt hatte, ob wir heute zum Friedhof fahren würden.

Er lag keine zweihundert Meter von ihrem Hof entfernt, aber seit einigen Jahren schaffte sie den Weg dorthin nicht mehr. Ab und zu wollte sie gar nicht hin, aber manchmal da schien es mir, als suchte sie den Kontakt zu den Verstorbenen, ihren Eltern und ihren Schwestern. Vor allem zu der einen Schwester, mit der sie bis vor wenigen Jahren zusammen gelebt hatten. Sie waren im selben Bett geboren worden und eines Tages würden sie im selben Bett gestorben sein.

Nein, heute wollte sie nicht zum Friedhof. Sie fragte, ob ich Kaffee wollte. Ich hasste ihren Kaffee. Sie hatte eine alte Kaffeemühle, die man mit der Hand drehen musste und der Kaffee war einerseits hart zu erarbeiten und andererseits schmeckte er dünn und schal. Wer weiß, wie lange die Bohnen schon in der untersten Schublade ihres alten Küchenkastens lagen. Ich sagte, ich wollte einen Kaffee und machte mich ans Werk. Nur weil ich wusste, dass es ihr eine Freude bereitete.

Hätte ich gewusst, dass ich sie nach diesem Nachmittag nur noch einmal sehen würde und sie im Bett liegend nicht mehr ansprechbar wäre, hätte ich sie vielleicht andere Dinge gefragt. Ich hätte vielleicht weniger erzählt und stattdessen mehr zugehört.

Jetzt, wo ich selbst sitze und warte, wüsste ich gerne, wie sie sich den Tod vorgestellt hat.

Als der Kaffee fertig war, kam sie ins Plaudern. Es waren alte Sprüche, die ihr einfielen und die ich nur zur Hälfte verstand. Ich lachte, wenn sie lachte und schwieg, wenn sie den Blick aufsetzte, den sie immer hatte, wenn sie an die harten Jahre dachte.

„Owa a Russ, der woar ned so zwida“, verkündete sie dann plötzlich. Und ich lächelte ihr zu, denn ich hatte es schon oft gehört. Ihre Geschichten von dieser Zeit. Aber immer, wenn ihr das auskam, erzählte sie nicht weiter.

Heute wüsste ich gerne, ob sie tatsächlich eine Affäre mit diesem Russen gehabt hatte, aber ich habe mich nie getraut nachzufragen.

Ob es meinen Enkeln genauso geht?

Zäh war sie. Zäh wie man nur in einer rauen Welt sein konnte. Zäh und fest ins Leben verbissen. Obwohl ihr beinahe alle Zähne fehlten, was das Gespräch erschwerte. Ihre dritten Zähne trug sie nur zum Essen. Sie drückten zu sehr, aber neue wären das Geld nicht mehr wert für die kurze Zeit.

Plötzlich entfuhr ihr ein Furz. „Dunnern tuats“, verkündete sie und ich lachte mit ihr zusammen. „Stinkt ois hätt da Baua Mist gstrat.“

Als ich mich verabschiedete, blieb sie sitzen. Ich legte meine Wange an ihre. War ich die Einzige, die sie auf diese Art und Weise berührte?

Morgens und abends kamen Pflegerinnen, die sie wuschen und ihr aus und in die Kleidung halfen, die sie ins Bett brachten und dafür sorgten, dass eingeheizt war und sie etwas zu essen hatte. Aber es war eine sterile Berührung ohne wahren Kontakt.

In den letzten Monaten habe ich immer öfter an sie gedacht. An die Frau auf der Küchenbank, die den ganzen Tag auf einen verhängten Fernseher geblickt hat. Ich habe damals gesagt, dass ich niemals so alt werden wollte.

Jetzt sitze ich in meinem elektrischen Lehnstuhl in der Küche. Ohne Fernseher, aber mit Helm am Kopf. Meine Enkel sagen Brille dazu. Es war das erste elektrische Gerät, das ich nicht mehr selbst entdeckt habe. Smartphone und Tablet sind mir vertraut, aber sie haben darauf bestanden, dass die Virtuelle-Realitäts-Brille besser wäre. Ich sage, es ist ein Helm. Und immer öfter ertappe ich mich dabei, dass ich bloß in einem Raum sitzen möchte. Manches Mal mit Nordlichtern über mir, manches Mal im Dschungel.

Spielen tue ich schon lange nicht mehr. Wenn man sich kaum noch dazu bewegen kann, ist es den Aufwand nicht wert. Und ab und an, wenn sie anrufen, und ich direkt über die Brille mit ihnen reden kann, wünsche ich mir mein Tablet und Skype zurück. Da habe ich sie wenigstens gesehen und nicht diesen seltsamen Avatar, den sie sich ausgesucht haben.

Als ich damals auf dem alten Hof meine Schwieger-Großtante ihre Wangen das letzte Mal berührte, bevor ihr Körper abgeholt wurde, fragte ich mich, ob sie am Ende noch gläubig gewesen war.

Ich bin es nicht. Wenn ich sterbe, ist es vorbei, aber das ist in Ordnung so, denke ich. Meist.

Meine Kinder kommen sehr selten. Sie leben auf der ganzen Welt verstreut. Die Welt ist digital, sagen sie. Sie können mich von überall aus besuchen.

„Weißt du noch, wie du uns anrufen kannst?“, fragen sie mich immer mal wieder, wenn sie doch vor Ort da sind, so als hätte ich mein Gedächtnis bereits verloren. Ich nicke nur, möchte aber nicht, dass sie gehen und wir nur noch telefonieren.

Die Sache mit der virtuellen Realität ist, dass ich nicht lange genug leben durfte, um sie in ihrer vollen Entfaltung zu erleben.

Was ist es schon wert, den Dschungelregen zu hören und die nassen Blätter zu sehen, wenn ich die Nässe nicht auf der Haut spüren kann?

Was ist es schon wert, mit meinen Kindern und Enkel zu tanzen, ihre lachenden Avatar-Köpfe zu sehen, wenn ich ihre Hände nicht in meinen spüren kann?

Was ist es schon wert, dass ich jederzeit überall sein kann, wenn ich doch nur zu Hause mit meiner Familie sein möchte?

Ich habe es damals richtig gemacht. Denke ich jetzt. Ich habe sie nicht oft besucht, ich habe mich nie für sie verantwortlich gefühlt, aber ich habe sie berührt. Ich habe sie umarmt und geküsst und ihre Hand gehalten.

Erst jetzt weiß ich, dass ihr stoisches Gesicht keine Unsicherheit war, sondern die Angst, mich mit zu vielen Emotionen zu verscheuchen. In ihrer Familie zeigte man keine Emotionen und berührte sich nicht. Ich habe damit gebrochen.

Ich war vor dem Altern nie angewidert gewesen, nur respektvoll. Mit Hochachtung habe ich auf ihr Leben geblickt, ohne zu verstehen, wie es sein musste, den ganzen Tag in der Stille zu sitzen und auf einen verhängten Fernseher zu starren.

Nun deaktiviere ich oft meine Brille, nehme sie ab und beobachte die Unbeweglichkeit im Raum. Alleine das Licht, das von der Westwand über die Nordwand zur Ostwand wandert, vergeht heute so schnell. Was ist ein Tag nach all den Jahren? Was ist eine Woche?

Ich sitze auf meinem elektrischen Lehnstuhl und warte darauf, berührt zu werden. Noch einmal Kontakt zu haben mit der Welt, bevor ich ihr entgleiten darf.

Schritt für Schritt bin ich eins geworden mit der Frau auf der Küchenbank.

 

Vita

Viola Rosa Semper, geboren 1996 in Horn, Österreich, pflückt Ideen aus dem Reich der Fantasie, um sie einzupflanzen und zu pflegen, bis eine ganze Geschichte heranwächst. Semper studierte Meteorologie an der Universität Wien. Nach dem Bachelor-Abschluss (2017) entschied sie sich dafür, ihre Leidenschaft für die deutsche Sprache zum Beruf zu machen, und wagte den Sprung in die Selbstständigkeit. Seit 2017 arbeitet sie als freie Autorin, Texterin, Lektorin und Tutorin für Deutsch als Fremdsprache. Erfahrungen im journalistischen Bereich sammelt sie seit 2011 als freie Redakteurin für die Bezirksblätter Horn.

Erzählt wurde schon viel früher. Noch bevor Viola Rosa selbst schreiben konnte, purzelten Märchenfiguren und Abenteuer aus ihrem kaum zu stoppenden Mundwerk. Seit 2015 werden regelmäßig einige ihrer Kurzgeschichten und Gedichte in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Neben dem 1. PERG¬amenta Publikumspreis (2015), erhielt sie den Hattinger Förderpreis für junge Literatur (ebenso Publikumspreis, 2017) sowie den 2. Preis des Regensburger Jungautorenwettbewerbs (2018) und zuletzt den 2. Preis des „Aufbrechen“-Wett¬bewerbs des NÖ Kulturforums (2019).

2017 nahm sie als Stipendiatin bei HALTlos Prosa in Ascheberg teil und 2018 erhielt sie ein einjähriges Stipendium für das LiLaWo Wolfenbüttel. Im Januar 2020 erschien ihr erstes Buch, der „Literaturführer Wien“, im Falter Verlag. Aktuell arbeitet Viola Rosa an ihrem Roman „Setzen Sie sich nicht auf seine Großmutter“.

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