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Schreibhain-Stipendium geht an Felix Kraus

Aus über 100 Einreichungen für das Schreibhain-Stipendium hat uns Felix Kraus mit seinem Romanauszug „Digitale Kinder“ (AT) restlos begeistert. Angesiedelt zwischen utopischer Zukunftsvision und Dystopie, baut er ein Spannungsfeld auf, aus dem Entrinnen weder gewünscht noch möglich ist. Das Schreibhain-Team gratuliert von Herzen!

Unser Stipendiat im Jahrgang X der Autorenausbildung Felix Kraus

Autorenvita

Felix Kraus wurde 1986 in München geboren und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste. Heute arbeitet er  als Medienkünstler und Autor in Berlin.

Publikationen

  • Künstlerauflage des ersten Romans ‚The Book You Read‘: Lesungen in Basel, Berlin & München
  • Drehbuch für den realisierten Langfilm ‚Ungleich‘ von Bianca Kennedy
  • Textveröffentlichungen in Fachzeitschriften + Publikationen: Elif Özmen (Hrsg.): Über Menschliches, Anthropologie zwischen Natur und Utopie
  • Beiträge in der Zeitschrift Kunst+Unterricht

Internationale Ausstellungen

  • Kunstmuseum Stuttgart (Mixed Realities)
  • CCBB Museum São Paulo, Brasília, Rio de Janeiro (50 anos de realismo)
  • Einzelausstellungen in Bozen, Mailand, Barcelona, Basel, Berlin, München und Kassel

Entwicklung von Kurzgeschichten und narrativen Voice Overs für  realisierte Virtual Reality Experiences (Here We Are, ANIMALIA SUM)

  • Preis der Steiner Stiftung für das Drehbuch ANIMALIA SUM
  • 1. Preis für die Kurzfilmreihe ‚Life 3.0‘ mit Schwerpunkt auf   Storytelling, LOOP Barcelona

Kurzsynopsis „Digitale Kinder“

Unsere Zukunft spielt sich in Heimen für behinderte Menschen ab. Weil wir heute das Funken all unserer Geräte und Maschinen zulassen, leiden unsere Urenkel an schweren Gehirnschäden. Das unterstellen ihnen zumindest die wenigen körperlich und geistig Unversehrten. Diese Normalen sind vorwiegend in Heimen tätig und halten dort ihre Patienten unter Kontrolle. Die Pfleger ahnen nämlich, dass in den Strahlungsopfern revolutionäres Potenzial steckt und die Verstrahlung nicht nur Nachteile haben könnte. Der Erzähler Jim gehört zu den ersten dieser Patienten, der die Unterdrückung in Frage stellt und seinen Leidensgenossen zu einem selbstbestimmten Leben in Freiheit verhilft.

Auszug aus dem Roman „Digitale Kinder“

Auf der Welt ist wohl das größte Gefängnis der eigene Kopf. Diese viel zu enge Stirn, die kantigen Augenbrauen, die  Wangen; für mehr als das eigene, kleine Leben ist da einfach kein Platz. Wenn man in diesen einen Kopf hineingeboren wurde, scheint man hilflos seinem Schicksal ausgeliefert. Hier im Heim wird uns das umso deutlicher bewusst. Denn man wurde ja hergebracht, weil man nicht so richtig kann, wie die Anderen. Dinge in einer unauffälligen Weise tun zum Beispiel. Oder mal über schwierige Sachen nachdenken. Aber es tröstet mich immerhin, dass sie einem doch helfen wollen, die Normalen hier. Diese Guten.

Mein Gehirn drückt heute Morgen von innen gegen den Kopf, nur hält jener fest dagegen und lässt den Schmerz nicht entweichen. Mit tränenden Augen finde ich endlich die Tube aus Zink. Der Geruch von Campher und Zedernöl dämmt das Hämmern im Schädel ein und ich atme auf. Hier in unserem Heim machen wir Strahler viel allein, denn man hat uns beigebracht, wie man auch ein bisschen selbständig sein kann. Das ist nämlich das Ziel unserer Pfleger: Der Behinderte muss sich selbst helfen können. Ein moderner Ansatz, aber wir stellen ihn nicht in Frage.

Mit krummem Rücken drücke ich mich vom Bett und bereite mich auf meine Arbeit vor, ziehe mir sogar Handschuhe an, um gleich den Tee für alle aufzubrühen. Auch ein Strahler kann für andere da sein, so versichern es uns die Heimleiter. Die Wichtigste hier, die Mutter unseres Heims, sie heißt Frau Lynn Magd-Alexander. Sie ist etwa vierzig Jahre alt und die schönste Frau, die ich je gesehen habe, denn sie ist nicht behindert. Dieser Charaktervorsprung verleiht ihr anmutige Eleganz. Wenn Frau Lynn, diese besondere Erscheinung, durch den Speisesaal schreitet wie eine Dame aus vergangenen Zeiten, hängen die Strahler mit sehnsüchtigen Blicken an ihrem Körper. Ich bemühe mich immer sehr, nicht so zu glotzen, um das Weibliche an ihr nicht zu verletzen, aber es ist da etwas in uns Behinderten, das uns gucken lässt. Man spürt die Fäden des göttlichen Marionettenspielers, der unsere Glieder springen lässt, wenn solch ein Geschöpf seine Aura verbreitet. Es dampft richtig heiß aus der Mutter Lynn heraus, Achseln und Genital bilden ein betörendes Duftdreieck. Jeder einzelne Schweißtropfen auf ihrer Haut verdunstet in unseren Nasen und verwirrt unseren hungernden Verstand. Wir wurden ohne jegliche Kontrollmöglichkeit geboren. Unser Körper und unser Geist spielen selten im Einklang, was uns zielgerichtete Handlungen verwehrt.

Frau Alexander kümmert sich vorbildlich um uns. Sie sagt uns, tu dies und tu das, und es ist immer das Richtige, das sie von einem verlangt. Immer hat es Zweck und Richtung. Eine Aufgabe von ihr ist wie ein himmlischer Auftrag, dessen Vollendung einen aufs Äußerste erfüllt. Ihre Befehle sind stets sehr präzise und dringen messerscharf durch das immerwährende Chaos von uns Strahlern.

Wenn es heißt: Jim, gieß den Tee für alle!, dann gieße ich, als sei es meine Bestimmung, als habe ich ein Jahrzehnt in einem japanischen Kloster verbracht, um mich in der Kunst des Teegießens zu üben. Und es gefällt ihr, dieser schönen Frau Lynn Magd-Alexander, dieser maximal unbehinderten Frau, es gefällt ihr, wie ich mich anstelle, und für solche kurzen Momente vergesse ich meine geliebte Stadt.

Ihr Sohn Spencer Alexander schleicht an mir vorbei und flüstert mir von der Seite ins Ohr. Es müssen kluge Worte sein, denn ich habe Mühe, sie zu verstehen, und dabei ist er nur wenige Jahre älter als ich. Wie es sein muss, Wörter zu können, die andere noch nie gehört haben. Vielleicht ist er so schlau, dass er seine eigenen Wörter erschaffen kann. In meiner Stadtbibliothek werde ich diese Begriffe heute Nacht notieren, damit ich sie immer weiß. Was das wohl bedeutet, ‚Dilettant‘ und ‚Pygmäe‘?

Ich bewundere ihn sehr, diesen schlanken Spencer; auch er trägt etwas Graziles in seinem Gang. Die Ellbogen nahe an der Hüfte, die Arme angewinkelt, die Hände hängen wippend von den Gelenken. Er setzt seine Taille ungewöhnlich elegant ein, wenn er etwas tut. Er ist ebenfalls ein wahrer Alexander, es lässt sich nicht bezweifeln.

Auch Spencer wird verehrt hier im Heim, denn er ist ja ein direkter Abkömmling dieser schönen Mutter und deshalb psychisch wie körperlich auf der Höhe der Zeit. Was Frau Lynn an Güte besitzt, macht Sohn Spencer durch nüchterne Strenge wett. Man achtet ihn wie einen freundlichen Polizisten. Und gibt es ein beruhigenderes Gefühl, als von einem Mann des Gesetzes ein wohlwollendes Nicken zu erhalten? Dann ist alles gut; man wurde geprüft und für artig befunden.

Wenn ich mit dem Tablett durch die Halle wandle, gebe ich Fiona immer ein Kännchen Tee extra. Ihr Mund hat nämlich eine Trockenheit, die einen ganz stumm werden lässt und man muss aufpassen, dass ihr die Lippen nicht reißen. Ein Töpfchen Fettcreme in der rechten Tasche meines Bademantels ist immer zur Hand, und ich mag es, mit einem eingefetteten Zeigefinger ihr Gesicht einzuschmieren und die Schollen zu entfernen, die sich zwischen Nase und Oberlippe bilden. Auch das war eine heilige Aufgabe der Frau Alexander. Das Kümmern um Fiona war schon lange zu meiner Routine geworden, welche ich stets mit würdevoller Bestimmtheit erfülle.

Fiona ist meine Lieblingsbehinderte. Ihre zitronenförmigen Augen zucken verspielt an mir hoch und runter, während die vollen, trockenen Lippen wie die einer echten Frau sind. Ich mag es gern, mit meinem Finger in ihrem Gesicht zu spielen, und sie muss immer sehr lachen, wenn dieser an Stellen wandert, wo er gar nicht vorgesehen war.

Na aber, mein lieber Jim. Heute so gut aufgelegt? Mich amüsieren deine Neckereien aufs Köstlichste. Es ist ja schon etwas, solch einen Freund, solch einen Verbündeten hier im Heim zu haben. Was würde man ohne einander tun?

Das alles erzählt mir Fiona, ohne wirklich zu reden. Ich verstehe sie auf eine andere Art, wie sie nur Behinderte miteinander teilen.

Ich räume ab, Fionas Tasse erkennt man am weißen Fettrand. Die kleinen Schüppchen fege ich vom Tisch aufs Tablett und wische den Speichel mit gekonntem Schwung in den Lappen. Lynn muss mich gar nicht an meine Aufgabe erinnern, ich weiß es selbst, wie es hier funktioniert. Stolz lasse ich meinen Blick durch den Speisesaal schweifen. Die Strahler sitzen in lockeren Gruppen über ihre Aluminiumtische gebeugt, ihre Gesichter ganz unscharf vor lauter Bewegung. Es herrscht hier nie Ruhe und Harmonie. Der Behinderte wird von inneren Hunden getrieben, die um Knochen kämpfen und ihr Revier verteidigen.

An der Westseite des Raumes führen ein paar Stufen empor zu einem hölzernen Podest, hier sitzt die Belegschaft. In der Regel sind dies:

Miss Lynn Magd-Alexander, Mutter des Heims

Spencer Alexander, der Erleuchtete

Doktor Clemens Kleinemann, väterlicher Heimarzt

Schwester Miss Raquel, liebe Krankenschwester

Schwester Ford, präzise Krankenschwester

Von diesem herrlichen Podest geht eine Ausstrahlung aus, in der sich der Behinderte gerne badet. Der wohlige Geruch gepflegter Hygiene nebelt uns hier unten ein, und man stellt sich oft vor, dieser erwachsene Duft ströme aus den eigenen Poren. Es muss eine hohe Kunst sein, sich ohne die Hilfe Dritter um seinen Körper zu kümmern; solche Liebe den vertrauten Gliedern zukommen zu lassen, sodass sie immer weich und rein sind, muss das Werk von Erleuchteten sein.

Meine Finger rutschen routiniert in die engen Teekännchen, wo man mit dem Schwamm nicht hineinkommt. Ich lasse es ganz ordentlich schäumen, als man auf einmal mitten im Lärm des Saals ein bestimmtes Geräusch ausmachen kann. Ein Geräusch, das meint: Jetzt ist etwas passiert!

Ich blicke über meine Schulter und sehe sofort ein Sammelsurium an Porzellanscherben auf Tisch Neun. Einer unserer Schlitzis – wir nennen diese Art von Patienten im Spaße so, weil all ihre Gesichtsöffnungen immerzu schlitzartig verkniffen sind – randaliert. Diesmal hat die unberechenbare Attacke unseren Heimpianisten Schröder erwischt. Gerade diesen gutmütigen Kollegen! Wenn wir Schröder nicht zum Essen zwingen, dann betätigt er sich stumm am Klavier und lässt die Tasten tanzen. Aber jetzt sitzt er regungslos vor den Scherben, die sich in seiner Schüssel gesammelt haben; ein Müsli aus Porzellan. Doch dieser Schröder, er nimmt den Angriff mit Stolz und Tapferkeit. Das klaffende Loch in seiner Wange scheint er nicht zu bemerken?

Spencer hechtet vom Holzdeck herunter. Er ist als erster zur Stelle und hält dem tobenden Schlitzi ein Läppchen Chloroform vor die Atemwege. Dieser kippt langsam nach hinten in die gepolsterte Lehne neben Schröder, ein weißer Ring um seinen Zeigefinger. Es ist der Rest des Teetässchens, welches ich ihm vorhin freundlich zugedacht hatte. Spencer blickt erschrocken in die aufgebrachte Runde:

Ich sage euch, die Schlitzis sind die übelste Bande hier! Eines Tages lasse ich euch alle von der Klippe gehen, da hadre ich nicht einen Moment. Es ist ja irgendwann das Maß voll. Ich verlange eine ordentliche Anstalt. Mensch, der arme Schröder! Das ganze Blut! Doktor Kleinemann? Bitte hier, der Schröder, den hat es aber erwischt. Die Schlitzis sind feige, sie nehmen es nur mit den Tauben und Stummen auf. Und kriegen ja selbst nur Spucke aus ihrem Mund!

Doktor Kleinemann hat mittlerweile eine Mullbinde besorgt, um Schröders Blutung zu stoppen und tätschelt dem Spencer die Schulter. Mit tiefer Stimme brummt er eine Ermahnung durch seinen Bart.

Na aber, mein Spencer. Man muss schon ein wenig Geduld und Nachsicht beweisen. Als Vertreter des Normalen und Ziemlichen ist es an uns, die Ruhe hineinzubringen. Mein lieber Spencer. Mensch, mein Lieber!

Spencer verzieht die Mundwinkel säuerlich in die Breite. Er respektiert den Kleinemann, den stattlichen Arzt. Dieser ist ein echter Mann, soviel ist gewiss, mit einer Figur, wie man sie sonst nur von Vätern kennt. Auch die Stimme ist so vertraut, dass man sich ganz geborgen fühlt. Wenn Kleinemann da ist, vergisst man, dass einem hier die Familie fehlt; ja wirklich oft bitterlich fehlt.

Ich blicke dem Doktor aus sicherer Distanz in die Augen. Wie viel er nur weiß! Sein Umgang mit Schere, Pflaster und Binden ist imponierend. Er legt eine feste Hand auf Schröders Schulter, lächelt ihm durch seinen dicken Bart zu, ermuntert ihn mit kollegialen Worten, und ich denke an meinen Vater, Robostrov Held.

* * *

Robostrov Held ist ein Mann, den ich unheimlich vermisse. Das ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass er zehn Jahre für mich da gewesen ist; die zehn wichtigsten Jahre, denn es waren meine ersten.

Durch Robostrovs väterliche Anleitung erfuhr ich die Welt. Diesem süßen Pappon habe ich alles zu verdanken. Eine Innigkeit herrschte da zwischen uns! Man konnte von Weitem erkennen: Ja, das sind Vater und Sohn. Freund und Freund.

Robostrov klärte mich einmal auf, wie behindert ich tatsächlich bin. Ohne ihn hätte ich es vielleicht nie vermutet, doch welch selbstlose Güte er bewies, dieser sanfte Vater, als er mir anvertraute, wie schlimm es doch um mich bestellt ist.

Mein geliebter Schimmes, mein braves Bübel. Es liegt da etwas zwischen uns, und ich muss es dir ja irgendwann einmal mitteilen. Es gibt keinen passenden Moment für solcherlei Unterhaltungen, daher wähle ich nun eben diesen hier. Ich denke, du bist auch alt genug! Heute an deinem fünften Geburtstag soll dir einmal etwas erklärt werden. Es handelt sich um ein Schicksal, dem sich ja die große Mehrheit deiner Generation stellen muss. Also … so wie dir ergeht es vielen, du bist immerhin nicht allein, weißt du? Jedenfalls … die vergangenen Jahrzehnte waren … Wir waren alle blind und dumm und haben es nicht verhindert … Und deshalb hat man eben auch nichts unternommen, und jetzt ist es ja ganz normal, ein Strahler zu sein. So wie du einer bist, gibt es viele … viele. Strahler sein, dafür kannst du nichts … Aber du bist nicht ganz … normal, weißt du? Und ich sage dir das so liebevoll, wie ich nur kann. Ich liebe dich, mein schöner Schimmes … mein lieber Schimmes …

Pappon hat mich gern so genannt, Schimmes, und ich glaube, dass es sogar mein richtiger Name ist, Schimmes Held. Doch Spencer war klug und machte einen anderen Namen daraus, damit ihn im Heim alle verstehen können. Man muss ihn für seine Empathie sehr achten. […]

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dem Autor herzlichen Glückwunsch zum Stipendium. Der Text macht mich traurig und unglücklich und ist deshalb so gar nicht „meins“. Liebe Grüße Karin

    • Liebe Karin,
      wir sehen erzählerische Kraft und Potential in unserem Stipendiaten und haben in einer Jury aus vier Autorinnen, Lektorinnen und der Unterstützung unserer früheren Stipendiaten nach bestem Wissen entschieden. Dass der Text Emotionen weckt, spricht durchaus für ihn.
      Herzlichst Tanja

  2. „Man spürt die Fäden des göttlichen Marionettenspielers, der unsere Glieder springen lässt, wenn solch ein Geschöpf seine Aura verbreitet.“ Ein wunderbarer Satz!

    • Unsere Einschätzung: Um sich mit der Unterstützung professioneller Lektor*innen, Autor*innen und dem Feedback seiner Kolleg*innen weiterzuentwickeln und sich ein Netzwerk aufzubauen. Aber wir wollen nicht für unseren Stipendiaten sprechen, am besten, diese Frage beantwortet er selbst.

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