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Schreibhain-Stipendiaten stellen sich vor

Wir sind sehr glücklich, unsere beiden Stipendiaten unserer berufsbegleitenden Autorenausbildung, Jahrgang VII, vorstellen zu dürfen.  Luise Wolf wurde bereits am 29. April 2017 im Rahmen des Wettbewerbs Oasen der Großstadt gekürt. Ihren Text „Nachtigall“ findet Ihr in der Publikation zum Wettbewerb.

Gestern durfte das Schreibhain-Team dem jungen Filmemacher Christian Hödl mitteilen, dass sein Text uns – aus weit über 100 Einreichungen – überzeugt hat und er, als unser bisher jüngster Stipendiat, den Jahrgang VII besuchen darf .

Unseren beiden Talenten wünschen wir einen großartigen Start und bedanken uns an dieser Stelle auch bei all jenen Autorinnen und Autoren, die an unserem Wettbewerb teilgenommen haben. Wir durften  – zum großen Teil –  Texte lesen, die von großer Lust am Erzählen zeugen und oftmals eine Auseinandersetzung mit Sprache, Inhalt und Form erkennen ließen.

Hier präsentieren wir Christian Hödls Nachtdiktakt.

Nachtdiktat

Die Nacht hält immer den Atem an, bevor ich erwache.
Ich laufe hell voll Erregung auf der Sonnenstraße entlang und knalle mit dem flachen Gesicht gegen den haarigen Hinterkopf einer BWL-Madame samt deren Studienanhang auf dem Weg in die 089-Bar. „Ey Mann, blödes Arschloch!“
Mit der linken Wange küsse ich den Beton. Hallo mein Schatz. „Könnt ihr mir bitte aufhelfen?“ Alle meine Glieder sind in großer Erwartung von meinem jungenhaften Verfallskörper weggestreckt. Käferkampf. Die takeln aber einfach davon in ihren lilablassblauen Highheels. „Nicht übers Gesicht.“ Tick. Tack. Der letzte Stöckel klackt am frechsten und bleibt in meinem Nasenloch stecken. „Schlampen.“, heule ich auf. Die Antwort fällt von den Litfaßsäulen herab. „Verdammter Abschaum!“
Ich halte mir die Nase zu, damit das Blut im Kopf bleibt. Ein roter Bach wird vielleicht grade zum See unter meinen Schläfen. Dann ist alles still und angenehm.  Nachts um halb zwei liegt so mancher Körper in den Gassen oder in seiner eigenen Notdurft. Ein Penner im Schlafsack lehnt zwanzig Meter entfernt gegen die Schaufensterscheibe einer Rossmannfiliale. Persil ist gerade im Angebot. Ich sollte uns das Gesicht damit waschen, bis es sternengleich strahlt. Ich sehe die umgedrehte Welt und bin voller jugendlichem Tatendrang, alles wieder grade zu machen. Der Penner kommt und packt mich unter den Armen, hebt mich nach oben. Ob alles in Ordnung ist? So ein Schatz. Er riecht ekelhaft, als würde er sich selbst verdauen. Ja, danke dir. „Willst du?“ Ich nehme einen letzten Schluck aus der Flasche, den Rest kann er haben. Ich liebe den Nachtgestank. Früher haben die Geister im Schatten gelebt. Sie haben ihre Pullover und Hosen ausgezogen und sich ineinander verkeilt, hinter einer Wand aus Parkgestrüpp. Heute ist die ehemalige Sperrstunde so grell, dass man seine eigene Dunkelheit abstecken muss. Ich möchte in einer Finsternis verschwinden, die mich gierig umklammern soll.

Weiter die Straße hinab. Der Eingang prangt unter einem rot leuchtenden Schild und macht mir Angst, wie immer halt. Eingänge sind solche Monstermünder, unberechenbar. Die Treppenstufen abwärts wird es dunkler. Immer diese Unterweltanspielungen bei der Lichtarchitektur im Randgruppenfeiersegment. Ausbleichende Jeansjacken sind übrigens erneut im Kommen. Die Schwulen entdecken sowas ja immer zuerst wieder. Ich halte mich am Ärmel eines Schönlings fest, doch er schüttelt mich einigermaßen angewidert ab. Ich wanke abgestoßen auf der Stelle, wie ein absterbender Kreisel. Pfosten-Manfred ist an der Securityfront: „Bist du schon wieder hacke?“
„Aber nein, gar nicht, ich komm grad vom Pilates!“, murmle ich heiter, bin mir aber sicher, dass ich schon deutlich lalle. Jetzt bloß keinen Schluckauf anzetteln.
„Du hast doch schon wieder übel einen sitzen, das seh ich doch auf drei Arsch weit.“
„Manfred, ich schwörs dir, wenn du mich reinlässt, dann wird das nachher noch die Nacht deines Lebens, dann machen wir Harakiri miteinander!“
„Das bringt mir auch nix, du hast keine Titten und der Schwanz is auch im Weg.“
Ich sehe Manfred mit großen flehenden Augen an. Tränenfilm und Tragik. Das darf es noch nicht gewesen sein. Ich bin doch zu mehr bestimmt im Leben, zumindest aber heute Nacht.
„Herr Gott nochmal, rein da!“ Er schiebt mich wie einen Gegenstand auf Rollen. Endlich freie Fahrt. Ich klopfe ihm ergriffen auf die fettbreite Schulter.
„Zusammenreißen. Sonst ist dein Arschloch hier gleich wieder draußen!“
Ach Manfred. Herzensgut vielleicht und immer beschissen drauf. Die Nacht fängt jetzt an. Ja?
Zuerst einmal ein Rundgang: Ich quetsche mich zwischen einem dicken Bizeps und einem feuchtklebrigen Muscle-Shirt hindurch. Knallharte Oberkörper und dazwischen ich, Hansdampf höchst persönlich. Die Struktur meiner Erscheinung ist weich und beinahe faserig. Ich wurde dafür geboren in den massiven Massen von dünstendem Hartmensch zu zerfallen.
Als mein Körper noch kindlicher war, siebte Klasse oder achte, stand ich oft nackt in meinem Zimmer. Stuhl vor der Tür, aus Angst Mama könnte plötzlich hereinknallen, wie ein Waffengeschoss, und meine zerbrechliche Nacktheit niederwalzen. Ich dümpelte einfach nur entblößt vor mich und wartete darauf, dass die Vorstellung von fremdem maskulinem Gewicht auf meinem Körper sich irgendwann materialisieren würde, mir Halt geben würde. Ein kleiner und einsamer Schwanz, hart in Erwartung des wahren Lebens. Irgendein vielversprechendes Gefühl müsste doch anfliegen. Dann ein Hämmern gegen die Tür. „Was machst du schon wieder? Warum hast du abgesperrt? Ich hol gleich den Pater!“ Kalte Kaugummiluft und alles wurde traurig und schlaff.
Im Raucherbereich werde ich von einem älteren Mann mit Geheimratsecken und hellen Augen mit Qualm umblasen. Ein bald von seiner Frau geschiedener Dermatologe. Visitenkartengesprächstyp.
„Schöne Stirn hast du, die meisten haben da Probleme mit Fetthaut!“, sagt er. Sein Handrücken macht den Fleckentest über meinem Frontallappen. „Meine Frau hatte da ziemlich zu kämpfen und auch mit Falten, schon seit sie dreißig ist. Wir haben neun Jahre nicht gefickt! Kannst du dir das vorstellen?“
Ich zittere am ganzen Körper, trotz der glühenden Zigarettenenden will es nicht warm werden.
„Was habt ihr dann gemacht?“ Ich verstehe diese selbsteingesperrte unterdrückte Generation einfach nicht. Man muss sich doch freimachen. Die Nacht war schon immer frei. Aber das ist wahrscheinlich auch nur Selbstbetrug und ich bin ja genauso feig wie er, wenn es wieder Tag ist.
„Naja, wir haben gern ferngeschaut, ‚Wer wird Millionär‘ und so. Und Urlaub in Kroatien, immer im April.“
Ich glaube er vermisst sie. Ich küsse seinen Hals. Kratzige Stoppelfransen.
„Ich hab da schon jemanden, tschuldigung“, er drückt mich sanft zurück, dann sammelt er sich wieder und will unser stockendes
Gespräch fortführen. „Grad erst kennengelernt, er muss morgen arbeiten! Die Gastronomie schläft nicht!“
Naja, eigentlich schon. Gerade.
„Und was machst du so, studierst du?“ Ich hasse diese Fragen, aber was soll man auch sonst reden. Mein Kopf altert im Kippennebel um hunderte kalte Jahre.
„Ich studiere Nachtwissenschaft!“
„Das hab ich ja noch nie gehört, du verarscht mich doch!“
„Nein, ist so.“ Ich finde ihn sympathisch, aber gerade will meine Existenz handfest von hinten umarmt werden und nicht nur schmale Worte. Im Suff suche ich immer nach Liebe. Am Tag bin ich Pragmatiker.
„Ich geh mal pissen!“
Die Nacht ist eine Urinrinne. Warm und dreckig. Ich fließe hinab.
Mit 16 saß ich mal einige Stunden auf einer Toilette fest. Als ich nach dem Unterricht nachhause gehen hätte sollen, kam mir der Gedanke an ein Mittagessen mit meiner Mutter im Pfarrheim ganz unsäglich vor. „Der Herr segne diese Gaben und halte Unheil von uns fern in diesen schmutzigen Tagen!“ Segnen und Verdammen, ein Lebenskreislauf. Ich hatte keinen Hunger, keine Lust auf eisige Stille und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Nach dreieinhalb Stunden auf der runtergeklappten Schüssel waren meine Füße eingeschlafen und mein Pullover hatte den Geruch nach Fäkalien angenommen. Kackhaufenschöpfung. Ich ging nachhause und ließ mich für meine Verspätung laut anschreien. Am Abend betete ich vor dem Einschlafen zu Gott, dass ich nie wieder zu ihm beten müsse. Danach warme Dunkelheit. Es war das letzte Gespräch Richtung Himmel. Gott sei Dank, sage ich seither trotzdem fast täglich.
„Du Margit, ich bin total frei… So richtig frei!!!!“
Margit sitzt auf ihrem Schemel vor dem Männerklo und tütet einige Münzen in die Seitentasche ihres fleckigen Kittels, vorwiegend die ein und zwei Euro Stücke, damit gleich wieder ordentlich gegeben wird.
„Ist ja schön für dich!“ Sie klingt nur gedämpft enthusiastisch.
Zwei ineinander verschlungene Typen wollen in eine Kabine miteinander.
„Da drin wird geschissen und sonst gar nichts!“, keift Margit, die Stirn in ältliche Streifen gelegt.
Der größere Blonde sieht sie verächtlich an. Er zieht den Kleineren nach drinnen und grinst überheblich, bevor der Riegel klackt und ein roter Streifen erscheint.
„Kleiner Scheißer!“, brummt Margit, sie steht auf und schlägt zweimal recht heftig gegen den Eingang, dann lässt sie es gut sein.
„Ich bin frei, Margit. Ist das nicht geil?“
„Da kann ich mir nichts kaufen von, aber schön für dich. Was hast du eigentlich schon wieder eingeschmissen?“
„Gar nichts!“, schreie ich wütend. So eine Frechheit. Immer wenn ich mal kurz glücklich bin und jugendlicher Freigeist in mir wohnt, schieben die es auf den Einfluss. Die sind doch nur neidisch.
„Ich bin einfach frei, okay. Was dagegen?“ Mein angriffslustiger Tonfall lässt Margit zurückrudern. Sie putzt mit einem Lappen über die Klapptischfläche und fasst mir dann mit ihren feuchten Fingern in den Nacken.
„Okay, mach mal ruhig jetzt!“ Ich starre hinter ihre Schalenaura in ein altzahmes Antlitz. Ich kann ihr nicht länger böse sein, sie hat etwas derart warmherzig Mütterliches. Obwohl sie gar keine Kinder hat, wie sie häufig betont. Das ist schon verwunderlich. Viele Frauen mit Kindern sind viel weniger Mutter als Margit es je sein wird.
„Glaubst du eigentlich an Gott?“ , frage ich Margit und schäme mich im selben Moment für diesen suffdummen Sinndiskurseifer.
Sie prustet hysterisch. Ihre Falten tanzen dabei. Das blondgraue Haar bebt.
„Wenn du jeden Tag mit Scheiße und Kotze zu tun hast, glaubst du irgendwann einfach an gar nichts mehr!“, blökt sie.
„Okay.“
Es ist still, das Dröhnen von oben her merken wir schon gar nicht mehr, und die beiden Jungs kommen aus der Kabine. Der Größere hat den Arm um die Schulter des anderen gelegt. Sie leuchten mattdämmrig und ein kurzer und heftiger Schmerz durchsticht mich bei diesem Anblick.
Margit lässt sie wortlos vorbei, ohne eine Miene zu verziehen. Erst als die Jungs wieder die Treppe hoch sind, entweicht ihr ein trockenes Lachen.
„Naja, vielleicht ist da ja doch irgendein Wichser im Himmelreich und danach kommt die fette Feier!“
„Das wär nicht schlecht.“ Ewige Freiheit und eine fette Feier. Aber wer will sich darauf schon verlassen.
„Ich geh mal wieder hoch.“, murmle ich deshalb.
„Mach ein bisschen ruhiger!“ Sie streichelt mir zum Abschied über den Arm.
Die Nacht ist meine Mutter und ich habe Mama seit dreieinhalb Jahren nicht mehr gesehen.
Neben der Bar steht einer, der mich anschaut. Was für ein schöner Mann. Ich hoffe der meint auch mich. Ich rufe um Gnade. Das Universum ist zwar stumm seit jeher, aber um Antwort wird zitternd gebeten. Vielleicht zahle ich ja irgendwann einmal etwas zurück. Wie eine flache Gotteshand knallt schließlich ein Gefühl durch die Luft, durch die tanzenden Körper hindurch und presst mich gegen die Wand. Der breite hochgewachsene Körper trennt das Wasser und wandert auf mich zu. Er zerrt mich auf die Tanzfläche.
„Ich bin der Martin!“, ruft er warmfeucht über den exorbitanten Lärmpegel in meine Ohrmuschel.
Ich küsse Martin, meinen akuten Erlöser und klammere mich an ihm fest. Meinen Namen zu sagen, würde ja eh nichts bringen. Ich liebe meistens nur bis zum Sonnenaufgang.
Waren Sie schon einmal so richtig verknallt? Wie schön. Aber das ist ja heißes Blut und keine Liebe, die da über den Lamettaboden abrinnt. Das ist alles allzu menschlich, wie wir beide uns in diesem Raum anfassen, küssen, verbiegen, im Abort ficken, einsam auf einer Parkbank frieren und im Stroboskopmuster zu Erinnerungsfetzen zerreißen. Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, um einen letzten und tragischen vielleicht bitterschönen Höhepunkt anzuschneiden. Jede nächtliche Erzählung braucht eine solche Knallillusion, sonst kann man nicht zufrieden einschlafen später.
Vor ein paar Monaten stand Bernd, ein Typ, von dem ich manchmal Zigaretten geschnorrt und einige Shots ausgeben bekommen hatte, an der Wand neben der Bar. Der treibende Remix von Helene Fischers Atemlos tauchte den Raum in ein hässlich orgastisches Beben. Er mochte das Schlagermotto, gerade so viel weiß ich vielleicht über seine Vorlieben aus einem Nebelgespräch. Was für eine Verirrung des feinen Geschmacks, aber ich sang ja auch mit. Im Suff besiegt die Euphorie meist die Abscheu. Zumindest bei den Optimisten. Bernd, der oftmals eben nur lehnte und höchstens mal mit dem Kopf nickte, wenn ihm nach Bewegung war, ein ruhiger Zeitgenosse, fiel während seines Lieblingshits einfach um. Vielleicht hasste er diesen „Atemlos durch die Nacht“-Scheiß auch genauso wie ich und ich versuche, rückwirkend irgendeinen Sinn zu erzeugen.
Ein Aneurysma, kurz gesagt, dann eben Atemlosigkeit. Komische Tragik oder verzweifelte Komik, wahrscheinlich aber ein banaler Kunstgriff meinerseits.
Pfosten-Manfred trug die vermeintliche Schnapsleiche durch den Notausgang, vorbei an den Treppenstufen, die zu Margit hinabführen. „Da stimmt was nicht!“, schrie sie von unten herauf.
„Alkoholvergiftung!“, brüllte Manfred zurück.
Ich war nicht dabei, aber vielleicht hat sich Margit auch heimlich bekreuzigt. Wer weiß das schon, aber das wäre doch eigentlich sympathisch.
Draußen, als Bernd nicht mehr wach zu bekommen war, rief Manfred den Notarzt. Obwohl Bernd da schon tot war, warteten die Sanitäter mit der finalen Diagnose, bis der Leichnam aus dem Blickfeld der umstehenden Nachtmenschen in den Krankenwagen verlegt war. Sie fuhren ohne Blaulicht und Martinshorn davon. In der ungreifbaren um sich greifenden Unsicherheit entschied man, den Club nicht zu räumen. Außerdem hatte nur die Raucherecke von dem Ganzen mitbekommen. Ich tanzte wahrscheinlich, während dieser unheiligen Viertelstunde.
Eine Woche später erfuhr ich von Bernds Tod, als ich gerade meinen Schwanz nach dem Abschütteln der letzten Tropfen in meine Hose rückverstaute.
„Was sagst du zum Bernd?“ Ihre Stimme klang ruhig und kratzig, wie immer.
„Was ist mit dem?“ Meine Hände kämpften miteinander unter stinkendem Seifenwasser.
„Ja wo lebst du denn wieder? Der ist doch letzten Mittwoch umgefallen. Zack. Tot. Vorbei.“
„Wo?“
„An der Bar oben.“
„Ach du Scheiße!“
„Kann man so sagen.“, brummte Margit. Ich setzte mich neben sie und wir schwiegen eine Minute. Eine Minute ist übrigens lang.
Zuerst Trauer, aber in Maßen, man hatte ihn ja nur flüchtig gekannt. Dann Angst. Was ist, wenn du der nächste bist, der neben der Bar liegen muss? Ewige Dunkelheit in einer Lache aus Schnaps, das ist doch absurd. Oder gemein. Vielleicht aber auch schlicht und weiß. Wut. Diese ignoranten Arschlöcher, tanzen einfach weiter. Aber ich ja auch. Dann stand ich auf, sagte Margit tschüs und ging ohne Klimax nachhause.
Der Abspann läuft über meiner Silhouette und ein zynischer Teil der Leserschaft denkt jetzt vielleicht: Aua. Am Ende packt er die Moralkeule aus und schlägt seine verfallenen Gestalten damit nieder. Das hätte er sich sparen sollen. Der kleinere und emphatische Teil ist doch bitte ein wenig gerührt: Eine zarte Bruchwandlung in diesem abgestumpften Unterweltwesen, das traurig nachhause geht. Hat der am Ende doch ein langlebigeres Herz als für eine Nacht? Die Frau mit der Hornbrille in der zweiten Reihe rümpft ganz allgemein die Nase. Ich bitte Sie. Was für eine perfide und sozialromantische Hexennacht wurde denn da heraufbeschworen? So gar nicht authentisch. Schade um die schwarzen Buchstaben auf taghellem Blatt. „Goodbye!“, sagt sie.
Ich küsse Martin, meinen Fremden, als Antwort im Schweißdunst der sternlosen Schwärze. Denn ich bin verliebt, aber nicht in ihn, größer gedacht, und ich wollte diese verrauschte Nachtliebe einmal kurz zu Papier bringen und in Ihren platonischen Höhlen ist es ja auch nicht heller, als in meinem Diktat.
„Bernd.“, brüllt mein Martinshorn in Martins Ohr und dann über die Tanzfläche hinweg.
„Was für eine Scheiße!“, sagt an dieser Stelle die engagierte Hornbrillen-Leserin als meinen Schlusssatz. Sie sagt es zusammen, ja im Chor mit Margit, und geht zurück ins Bett, weil es gerade stockdunkel ist. Dann schläft sie ein.
Ich schlafe vielleicht schon seit Atemlos.

 

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