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Das Pitching im Schreibhain – Ein Bericht von Johannes Frenzl

Alle (Halb-)Jahre wieder: Am 08.04.2017, einem wunderbar lichtdurchfluteten und wohlgesinnten Sonntag, ereignete sich im Berlin erneut ein Schreibhain-Pitching. Diesmal im B-Vocal in der Boxhagener Straße, gepitcht wurden die Stoffe des Jahrgangs III. Von Schreibhainern und Agentursvertretern mit Spannung erwartetet, besprachen die Debütantinnen, die im Laufe der Ausbildung erarbeiteten Stoffe, unter Begleitung der Schreibhain-Dozentinnen Tanja Steinlechner und Cornelia Jönsson. Zwischendurch gab es drei Pausen in denen sich Schreibhainer und Gäste an dem liebevoll angerichteten Buffet stärken konnten. Im Vorab kann gesagt werden, dass die Atmosphäre während des Pitchings sich als sehr wertschätzend und entspannt gestaltete. Auf Fragen von Agenten und Studenten konnten alle Vortragenden souverän und überlegt antworten. Offensichtlich hatten die Damen eine gute Vorbereitung durch die Dozentinnen genossen. Es gibt für uns Schreibhainer, denen das Procedere noch bevorsteht, keinerlei Anlass zur Beunruhigung. Also atmet aus, Leute! 
Als erste stellte Sonja Faussner ihre Projekt „Tornen“ (schwed./nordweg. „Der Stachel“) vor, ein subtil durch-komponiertes Psychodrama um zwei Frauen, die durch eine gemeinsame Heimvergangenheit, gegenseitige Abhängigkeiten und zu guter Letzt durch einen tragischen Unfall auf tragische Art und Weise mit einander verstrickt sind. Die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschieben sich auf faszinierende Weise in diesem Projekt und Frau Faussner lieferte mit ihrer Leseprobe einen düsteren Einblick in eine Welt, in der nichts so ist, wie es scheint und den Leser ungeheuerliches erwartet.
Als nächste Vortragende präsentierte Christa Alahmed ihren Syrien-Roman „Frühlingsstürme“. Mehr als 30 Jahre lebte Frau Alahmed in Syrien und kennt Menschen sowie Kultur sehr gut. In ihrem Projekt findet sich eine einfache Hausfrau mitsamt ihrer Kinder von einem Tag auf den Anderen inmitten einer schweren politischen und humanitären Krise wieder. Durch Regimetruppen von der Außenwelt abgeschnitten, kämpft diese mutige Frau um das Überleben ihrer Familie und findet zu Stärke, Unabhängigkeit und Vergebung. Wahnsinnig beklemmend geriet die von Frau Alahmed vorgetragene Szene, in der der älteste Sohn der Protagonist im elterlichen Wohnzimmer von einem Querschläger angeschossen wird und beinahe seiner Verletzung erliegt.
Komplett konträr zu diesem Stoff geriet die Romanvorstellung von Christina Knaack. „Sonne über dem Wasser“ erzählt die Liebesgeschichte eines verheirateten Arztes zu einer bosnischen Arztanwärterin vor dem Hintergrund der Lausitzer Seenplatte. Eine Geschichte in der sich die Sehnsucht nach Liebe, Heimat, Angekommensein und Akzeptanz miteinander vermengen und erst nach langem Bangen zu einem Happy End findet. Frau Knaack präsentierte ihn ihrer Leseprobe das erste Kennenlernen der Protagonisten, und ich kann nur fragen: Warum können nicht alle Dates sich so spannungsgeladen und zugewandt gestalten? Das ist wohl die Crux zwischen Realität und Fiktion.
Das nächste Projekt „Der Blutkreis“ von Cordula Rapp, entpuppte sich als eine „hard-boiled“ Kriminalgeschichte mit Mysteryelementen. Ein mit dem zweiten Gesicht gesegneteten – oder gestraften – Kommissar gerät im Zuge seiner Ermittlungen ins Visier einer perfiden Sekte, die Vampir-Rollenspiele als Setting nutzt um wahrhaft verstörende Dinge zu tun. Das Blut fließt reichlich in diesem Thriller. Frau Rapps Leseprobe klärte die Zuhörer darüber auf, was passiert, wenn sich Live-Rollenspiele vom  Hobby zum absoluten Mindfuck wandeln. Eine clevere Auseinandersetzung mit den etwas abseitigeren Auswüchsen von Urban Culture und eine Leseprobe, die ganz klar sagt: „Traue niemanden, der in seiner Freizeit mit Samtcape und Plastikfängen im Wald herumturnt.“
Im dritten Pitching-Block konfrontierte uns Irina Suckow mit dem „Buckower-Winkel“, einem Roman über das Leben und Überleben als Künstler in der DDR der 1980er. Ihr Protagonist kämpft um seine Existenz als Wissenschaftler, Künstler, Familienvater und Individuum. Er hat Glück im Unglück: Nach vielen Fort- und Rückschritten mit bisweilen herben Schicksalsschlägen, findet er im Taumel der Wendejahre zu sich selbst. Zentrales Motiv der Erzählung bildet ein nicht-vollendeter Friedensengel inmitten wogender Roggenfelder. Ihre Leseprobe illustrierte das komplexe und eindrückliche Vater-Sohn-Verhältnis ihres Protagonisten, im erdrückenden Schweigen inmitten einer sozialistisch- geprägter Autokratie.
Als besonders eindrücklich geriet das Projekt von Anne-Marie Cordes, einer autobiografischen Arbeit namens „Doppelblind“. In diesem mit zahlreichen humoristischen Anekdoten gespickten Memoire erzählt die Autorin vom Verlust ihres Langzeitpartners, der von einem Tag auf den Anderen die Beziehung beendet, und die Erzählerin über das Motiv seines Beziehungsabbruchs zeitlebens im Dunkeln lassen wird. Beißende Komik und bittere Tragik wechseln sich ab in diesem außergewöhnlichen Projekt und ich kann an dieser Stelle nur sagen, dass ich den Mut von Frau Cordes bewundere  das schmerzlichste Kapitel ihres Lebens aufs Papier gebannt und der Öffentlichkeit (in Form einer Leseprobe) präsentiert zu haben. 
Final durfte schließlich Elke Cremer ihr Projekt „Die Unerzählten“ vortragen: eine sprachlich hochwertige Meditation über die Schwierigkeit die eigene Gegenwart und Zukunft vor dem Hintergrund einer entsetzlichen Familienvergangenheit, zu gestalten. Kann Liebe Schuld sühnen? Ist eine Familiengründung vor dem Hintergrund nicht aufgearbeiteter NS-Verbrechen einfach so zu verantworten? Ist das Aussprechen des Unausgesprochen in diesem Falle Befreiung oder Belastung? Schwierige Fragen, denen sich Frau Cremer furchtlos stellte.
Mit dem letzten Beitrag erklang das letzte Mal an diesem Tag Applaus und Gäste wie Schreibhainer vermengten sich zum zwanglosen Get-Together, das wie ich mir sagen ließ, noch ein Weilchen und ganz typisch für den Schreibhain andauern sollte.
An dieser Stelle möchte ich den Autorinnen für ihren Mut, ihre Contenance und Souveränität danken und wünsche euch das Allerbeste für die schriftstellerische Zukunft! Ihr habt gerockt und werdet hoffentlich weiter rocken! Ebenso vielen herzlichen Dank an die Agentursmitarbeiter und -repräsentanten für ihre Zeit, ihr Interesse und ihr Wohlwollen. Und natürlich zehntausendfachen Dank an die phänomenale Tanja Steinlechner und die nicht minder phänomenale Cornelia Jönsson, ohne die all dies nicht möglich gewesen wäre.

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