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#weiterschreiben 100 – Fiktion

20. März 2020

Autorin: Hannah Weißlind

EGO VIRUS EST

Mein Name ist Amarymeus. Ich stamme aus dem berühmt-berüchtigten
Corona-Clan, der es sich zum Ziel erklärt hat, die Weltherrschaft
zu übernehmen. Insbesondere drei Familien aus der weitverzweigten
Dynastie sind für die Menschheit gefährlich, meine eigene ist zu
meinem Bedauern eine davon. Die anderen sind eher harmlos und
werden von dem Clan nicht ernst genommen. Ich war schon immer ein
Einzelgänger und verspürte überhaupt keine Lust, dem Clan in
seiner Sache zu dienen. Zum ersten Mal wurde es mir klar, als
meine Geschwister und ich als Versuchsobjekte in einer Laborprobe
landeten. Das hatten wir unseren Verwandten aus den SARS CoV-1
und MERS CoV-Familien zu verdanken – so wurden sie in der
menschlichen Welt bezeichnet. In ihrer Gier nach Weltmacht waren
sie damals zu weit gegangen und haben unserer friedlichen Existenz
innerhalb der Tierwelt auf diesem Planeten ein Ende gesetzt.
Nachdem es in jenen Tagen tausende Todesopfer in diesem ungleichen
Kampf gab, fühlten sich die Menschen ernsthaft bedroht und
forschten eifrig nach einer wirksamen Waffe, um die Angriffe des
unsichtbaren Gegners abwehren zu können.
Zu dieser Zeit befand ich mich nichtsahnend in meinem Wirt, einer
asiatischen Schleichkatze. Nie im Leben wäre ich auf die Idee
gekommen, meinen tierischen Träger zu verlassen. Ich führte ein
gemütliches Single-Dasein, integriert in den geschmeidigen Körper
eines Raubtiers, und hatte nicht vor, mich zu vermehren. Ab und zu
bekam ich durch Botenstoffe übermittelte Nachrichten von einigen
meiner Geschwister, die mit mir das Revier teilten. Wir waren uns
alle einig, diese friedliche Koexistenz in aller Ruhe weiter
fortführen zu wollen.
Ich schlummerte gerade in meiner gemütlichen Wirtszelle als mir
allmählich klar wurde, dass irgendwas nicht stimmte: Die
Botenstoff-Nachrichten blieben seit längerer Zeit aus. Und die
letzte, die ich bekam, war absolut unverständlich.

Dann gings auf einmal los: Es drehte sich alles, ich wurde von
einem mächtigen Sog erfasst und fand mich jäh in einem endlosen
Meer von widerlich riechender chemischer Substanz wieder.
Das wars: außerhalb meiner Wirtszelle war ich ohne eigenen
Stoffwechsel und ohne schützende Proteinhülle ausgeliefert!
Ich bereitete mich auf ein schnelles Ende durch Zersetzung vor;
zum Schluss würde von mir nicht mehr als ein elendes DNA-Häufchen
übrig bleiben! Ich fühlte in mich hinein: gleich würden die ersten
automatisch ablaufenden Zerfallsprozesse einsetzen …
Aber nichts geschah. Stattdessen bemerkte ich voller Erstaunen,
dass die abscheuliche chemische Brühe mir nach und nach meine
Lebenskraft zurück gab. Die Nährstoffe kurbelten meinen
Stoffwechsel wieder an, ich schöpfte Hoffnung auf ein neues Leben,
in welcher Form auch immer!

Wieder zu Kräften gekommen, war ich in der Lage, die
verschlüsselten Botschaften meiner Artgenossen, die in der
künstlichen Nährstofflösung umherschwappten, zu entschlüsseln.
Ich war also nicht alleine in dieser misslichen Lage! Nach
aktuellen Informationen befanden wir uns offenbar in einem
Forschungslabor der menschlichen Wissenschaftler, die meine
Spezies dazu nutzen wollten, einen Abwehrstoff gegen den
berüchtigten Corona-Clan zu entwickeln. Wie ich zu meinem Verdruss
erfuhr, starteten einige Clanmitglieder weiterhin in regelmäßigen
zeitlichen Abständen verheerende Angriffe auf die Homo sapiens
Population. Mittlerweile sorgte eine Familie für Aufruhr, die in
der menschlichen Welt auf SARS CoV-2 getauft wurde. Was für
phantasielose Namen! Ein paar Buchstaben, eine Zahl dahinter – wir
sind doch keine Roboter. Zu meinem Beschämen stellte ich fest,
dass diese Abbreviatur ab jetzt auch meinen Namen ergänzen sollte,
denn seine Familie kann man sich nicht aussuchen. Gestatten:
Amarymeus von Sars CoV-2.

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