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Schreibtagebuch von Jessica Potthast

Jessica Potthast – unsere Studentin aus der Autorenausbildung IV – hat sich selbst Einsamkeit verordnet. Einen guten Monat ist sie ins Schreibexil gezogen, irgendwo nach Brandenburg. Bei Gelegenheit muss ich sie fragen, wo dieser Landstrich auf der Karte zu finden ist, der sich jeder Ablenkung verwehrt, weil er außer Feldern und Gras nichts bietet. Keinen Luxus, kein Netflix, keine Liebespartner. Nur aufs W-Lan hat Jessi nicht verzichtet, aus Recherchegründen. Wir schielen aus der Ferne, aus der klingenden Großstadt, auf ihr Experiment, das wir uns selbst bisher nicht zugemutet haben. Lediglich auf Schreibreise sind wir gegangen, in die Städte großer Dichter, und Ende Oktober ans Meer – umgeben von wärmender Sonne und beredeten Autorenkolleg*innen.

Jessi, Du hast alles was eine Autorin braucht! Mut, Dich dem Wahnsinn der inneren Stimmen hinzugeben, eine betörende Sprache und die unbedingte Leidenschaft, durch Dich selbst bei Deinen Figuren anzukommen. Deshalb haben wir uns gemeinsam entschieden, Deinen Annäherungen an Deinen Stoff zu folgen und Deinen Werkprozess auf unserem Blog, einer ersten Leser*innenschaft zu öffnen.

Danke für Dein Vertrauen, liebe Jessi, in uns und vor allem in Dich selbst! Wir freuen uns riesig aufs Wiedersehen!

Jessica Potthast

 

Vom Beginnen

Meine Schreibreise beginnt mit einem verbrannten Blatt Papier.
Am Abend, davor, schreibe ich alle Zweifel, die zwischen mir und meinem nichtgeschriebenen Roman stehen, auf dass Weiß.
Eine gelborange Flamme erweist sich als Freund, so hoffte ich, doch statt all meine Grübeleien in erlösendes Nichts aufzulösen, entsteht etwas Neues. Ein Häuflein Asche. Schwarz und sich unschuldig gebend, liegt es vor mir. Ich bemerke meinen Fehler: Selbst atomare Teilchen, das wissen wir alle, bleiben atomare Teilchen; sie strahlen, sie wirken weiterhin mit voller Kraft, mindestens unser Leben lang. Wir graben sie ein in Höhlen, unterirdisch, wir baggern, wir graben tief und tiefer, mit unseren bloßen Händen oder mit schwerem Gerät. Wir ackern, wir wischen uns den Schweiß von der Stirn, wir kleben Pflaster auf die Schnitte, die uns spitze Steine zugefügt haben. „Das tat weh!“, schreit uns unser Daumennagel an und wird schwarz vor Wut. Mit lehmverschmutzten Händen schauen wir in das Loch, befinden die Stelle für tief genug und werfen alles was quält und strahlt und an uns zerrt hinein. Hastig bedecken wir alles mit Verdrängungserde, die wir gleich in großen Säcken vorrätig haben. Wir klopfen die Erde fest, ebnen alles, sind zufrieden. In einiger Zeit wird die braune Erde mit grün durchzogen sein, denken wir, so wie die restliche Fläche unseres Gartens. Niemand wird bemerken, dass wir etwas vergraben haben.
So denke ich und setze mich mit meiner alten Freudin, ihr Name ist übrigens Lüge, ihr kennt sie bestimmt nicht, an den Tisch und schreibe.

Schreiben und schreiben lassen

Ein Buch zu schreiben ist komplizierter und viel einfacher als ich dachte.
In meiner ersten Woche im Schreibexil war ich motiviert, ich lief über wie ein Staudamm zur Regenzeit. Ich schrieb Zettel um Zettel für meine Charaktere, die dann alle ,wie Wäschestücke, an einem Kronleuchter hingen. Ich schrieb einige Seiten, war hoffnungsvoll und voller Ideen. Doch dann die Wand, die Unvermeidbare: Selbstzweifel. Ich schob sie nach links und nach rechts, rammte meinen Kopf (und der kann dick sein) dagegen: Nichts. Mich trugen Sprachnachrichten einer lieben Freundin durch diese Phase. Sie musste nichts von all meinen Wörtern gelesen haben, um an mich zu glauben. Diese Salbe schmiere ich mir immer noch, immer mal wieder, auf meine Wunden. Die Erwartung an mich selbst, in eine Nichterwartung, nein, besser noch in ein Sich- gehen- lassen zu verwandeln, war der größte und schmerzhafteste Prozess in dieser Zeit. Und siehe da: Meine Protagonistin erwachte zu Leben, zu ihrem eigenen, nicht vorhersebarem, ging auf in meinen Rausch. Wunderbar. Ich bin Helen so dankbar, dass sie sich -endlich-selber schreibt. Hör bitte nicht auf!

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