von Hans Kleemann

Am ersten Frühlingstag des Jahres steht man leider doch stets unter dem enormen Druck, man müsse etwas besonderes, herausragendes, wenigstens außergewöhnliches unternehmen. Mit einem solchen Vorsatz bleibt man natürlich gleich den ganzen Tag im Bett und grämt sich die folgende Woche über unaufhörlich, dass man diesen ersten Frühlingstag derart nutzlos verkommen ließ.
Am darauf folgenden Sonntag regnet es jedenfalls unter Garantie.
Aber dann, aber dann, aber dann…
„Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König“, sang neulichst Senta Berger von der Leinwand herab. Die hat gut singen dachte ich, bei DEM Wetter…
Inzwischen bin ich selbst von solchem Adel, denn eine alljährliche Kleinigkeit, die seit tausenden Jahren ihre Wirkung nicht verfehlt, hat unterdessen stattgefunden: es ist Frühling geworden.
Ich also nichts wie raus in´ Grunewald — ha, das werden Sie mir ja wohl hoffentlich nicht geglaubt haben, zumindest nicht, wenn Sie meine Kolumnen bisher aufmerksam gelesen haben!
Ich also nichts wie raus zum Bayerischen Platz, wo schon gleich ein Penner mit Akkordeon sitzt. Eigentlich hasse ich Straßenmusik, aber heute bin ich weich wie Butter und der Spieler sitzt IM Bahnhof, ich DAVOR, bei meiner Lieblingseisdiele, sodass die Musik nur wie von ganz ferne klingt, was ihren Liebreiz enorm steigert. Wen kümmert es da schon, dass die Untertasse jedes Mal, aber auch jedes Mal schmutzig ist.
La Paloma, ohe!
Ich sitze stillvergnügt da, trinke Kaffee, esse Eis und komme mir ungeheuer monacofranzisch vor. Schau wie ich schau!
Der Kellner ist übrigens eine interessante Mischung aus grob sarkastisch und ungeheuer liebenswürdig. Sobald er draußen steht und eine raucht (also andauernd) rufen Vorbeilaufende ihm zu, wie es ihm gehe, worauf man jedes Mal etwas anderes, stets unterhaltsames erfährt (Martin Walser würde jetzt fünf Seiten lang Beispiele bringen, doch dazu bin ich zu vornehm).
Es ist also Frühling im teutschen Kartoffelland und sogar die verhärmte alte Dame am Nebentisch, die ein bisserl aussieht wie eine noch bösartigere Schwester von Maggie Thatcher, versucht sich in etwas, das mit viel Wohlwollen als Lächeln interpretiert werden kann. Kinder gehen dennoch oder gerade deshalb etwas schneller an ihr vorüber (ach, vorüber).
Und damit uns allen nicht ZU wohl wird, in dieser lieben Frühlingszeit: zum Schlusse ein Gedicht!
Der Gang der Dinge geht.
Der Stand der Dinge steht.
Das Ding betrifft wohl Dich und mich,
doch was ist dieses Ding an sich?
PS: Vom letzten Jahr hab ich noch ein besseres in der Schublade, aber das passt ja nun leider so gar nicht (wir klopfen auf Holz)…
Der Wannsee liegt im tiefsten Grau.
im Körnerpark stinkts nach Benzin.
Tristesse herrscht, wohin ich schau.
Frühling nennt mans in Berlin.
VITA

Hans Kleemann wurde 1995 in Dinkelsbühl geboren und zwar am selben Tag wie Hölderlin und der verrückte König Ludwig – es mag wohl daran liegen, dass er erst die Flucht und dann die Leier ergriff. Seitdem schreibt, dichtet und komponiert er in Berlin.
Kleemanns Debüt „Jeder einmal in Berlin“ erschien im Leipziger Adakia Verlag.
