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Im Portrait:
Henrik Friedrichsen

Texte aus der Werkstatt

Um Einblick zu geben in das Schaffen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die im Hain das Handwerk des Schreibens studieren, stellen wir in unregelmäßigen Abständen Texte aus der Werkstatt vor. Solche, die uns gerührt, bewegt, zum Lachen gebracht oder schlicht begeistert haben.

Dieses Mal im Portrait: Henrik Friedrichsen. Er ist Teil des Jahrgangs XVI und besucht das erste Semester unseres Autorenprogramms. Sich selbst beschreibt er wie folgt: Henrik Friedrichsen ist: Nordfriese, dreißigjährig, Sozialpädagoge, Musiker, Wahlberliner, Freund von bösartigen auktorialen Erzähler:innen. 

Schieflage

Plattfische schlüpfen als ganz normale Rundfische aus ihren Eiern. Ein Körper, ein halbes Dutzend Flossen, ein Paar Kiemen und links und rechts ein Auge. Erst nach zwei Wochen beginnt meist das linke Auge seine Wanderung auf die andere Seite des Schädels. Erst dann ist es ihnen möglich, flach auf dem Grund zu liegen mit beiden Augen an der Oberseite. So sind sie perfekt getarnt vor Fressfeinden und Beutetieren. Trotzdem bleibt es ein Leben in Schieflage.

Damit die Menschen diese verzogenen Fischfratzen anstarren können, hat man ein paar Exemplare in ein rundes Becken gesteckt. Hier stehen Schulklassen im Kreis mit ihren dummen Blicken und man ist sich unsicher, wer da eigentlich wen beobachtet. Es ist verboten, die fettigen Chipshände ins Wasser zu tauchen, die Kinder tun es trotzdem. Die Lehrerin sagt: „Nicht schubsen“ und sie schubsen dennoch. Vorne steht ein Mitarbeiter. Er hält kleine Krabben ins Wasser, die dann von schiefen Plattfischmündern eingesogen werden. Nun darf eines der Kinder eine Krabbe halten, doch sie können sich nicht entscheiden, sie wuseln um das Krebstier. Der Große, der dieses Schuljahr schon zum zweiten Mal bestreitet, entschiedet, dass er nach darwinistischem Recht und nach seiner eigenen Schrimptheorie nun endlich an der Reihe wäre. Er nimmt Anlauf, greift nach der Meeresmade und Flatsch – liegt er bei den Schiefmündern.

„Was ist denn hier los?“, ruft ein dickbäuchiger Rentner von der Seite, „warum hilft denn niemand?“ Der Mitarbeiter mit dem Krabbeneimer rennt weg, faselt irgendwas von Hilfeholen. Die Schulklasse schreit, die Lehrerin wird ohnmächtig. Der Große bei den Plattfischen jappst nach einem Rettungsring und der Rentner wedelt mit seinen Armen. „Aber irgendjemand muss doch helfen.“ Mit dem Finger zeigt er auf eine junge Mutter mit ihrem Kind an der Hand. „Sie! Sie da. Warum helfen Sie nicht?“

„Ich bin gar nicht dafür ausgebildet“, sagt die Frau, „Wie stellen Sie sich das denn vor?“

„Na einfach reinspringen und das Kind rausholen.“

„Ich will Ihnen mal etwas sagen: Bevor ich Windeln gewechselt habe, war ich erfolgreich, ich habe International Buisness studiert. In meinem Unternehmen hatte ich gute Aufstiegschancen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe mein Kind, aber ich liebe auch das Leben, dass ich vor ihm hatte. Am liebsten würde ich einfach das tun, wofür ich studiert habe. Zahlen und Fakten, Kostenfaktoren ausmerzen – das ist meine Welt. Nicht die Hausarbeit.

Der Rentner wird nachdenklich. Im Hintergrund formieren die Schulkinder eine Menschenkette, aber sie erreichen den kreischenden Jungen nicht. Zu kurz sind ihre kleinen Kinderarme.

„Aber“, sagt der Rentner, „Sie müssen auch mich verstehen. Letztes Jahr wurde ich an der Hüfte operiert. Gut, sie funktioniert wieder, aber wenn meine Frau erfährt, dass ich Kinder aus dem Wasser rette, wird sie verlangen, dass ich wieder die Anrichte sauber halte. Dann habe ich weniger Zeit, um im Café Domino zu spielen. Auch ich bin mit der Hausarbeit fertig!“

Nun beruhigt sich auch die Frau. Sie nehmen einander an die Hände und sehen sich an als würden sie sagen: Ich verstehe dich. Und sie fühlen sich verstanden.

Im Becken herrscht Unruhe. Vor Schreck schwimmen einige Flundern wieder aufrecht, sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Als dann das Kind zum Grund sinkt und sich das Wasser wieder beruhigt, kehren auch sie zurück in ihre gewohnte Schieflage.

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